Von Marlies Menge

Bei der Begrüßung hält sie eine winzige schwarze Katze in der Hand. Die Katzenmutter sei vor der Tür überfahren worden, erzählt sie. Zuerst haben sie die Katzenbabys mit der Spritze ernährt. Inzwischen nehmen sie die Flasche. Sie bringt das Kätzchen ins Haus, setzt es neben das andere Katzenkind unter den Backofen. Auf dem Küchenhocker steht ein Geschenk von Schülern aus dem Ort: ein Zeitungsphoto, auf dem Erich Honecker Marita Koch die Hand schüttelt, drumherum Unterschriften von Kindern.

Marita Koch läuft für die DDR, und sie läuft von Jahr zu Jahr schneller. Für ihre Erfolge bei der Europameisterschaft im Sommer 1986 in Stuttgart belohnte Erich Honecker sie mit dem „Stern der Völkerfreundschaft“ in Gold. Doch Marita Koch ist nicht nur eine aus der Schar der Spitzensportler, die der DDR zu Weltniveau verhelfen; sie widerlegt darüber hinaus auch das Klischee vom Mannweib, zu dem der Leistungssport Frauen angeblich macht. Freunde rühmen sie als bescheiden, charmant, menschlich. Sie macht neugierig.

Mit Jeans und T-Shirt, mit wachen grünen Augen unter den blonden Haaren, sitzt sie auf dem Sofa, schmal und hochgewachsen, ein Typ, der keine Probleme mit dem Übergewicht hat, obwohl sie gern ißt. Ihr Lieblingsgericht: Möhren, Erbsen und Buletten. Im Wohnzimmer stehen außer Polstermöbeln und Schrankwand drei Palmen, ein Schaukelstuhl, eine schöne Uhr. Der Kamin ist ein selbstgefertigtes Extra im genormten Fertighaus.

Marita Koch lebt, wenn sie nicht gerade trainiert oder siegt, mit Wolfgang Meier, der längst mehr als ihr Trainer ist, in Kritzmow, einem sechs Kilometer von Rostock entfernten Dorf mit einem Teich für Enten. Die Nachbarn halten Hühner und Schafe. Durchs Fenster sehen wir Meier, wie er, ständig vom Hund, einem Münsterländer, begleitet, im Garten arbeitet. Verheiratet sind die beiden nicht: „Aber die Zeitungen haben es schon so oft gemeldet, daß es eigentlich gar nicht mehr nötig ist.“ Vielleicht fehlte ja auch nur die Zeit dafür, wie Marita Koch bisher auch die Zeit fehlte, ihr Medizinstudium zu beenden: „Schon weil wir so viel unterwegs sind.“

Landschaftsphotos an der Wand erinnern an Auslandsreisen. Daß Marita Koch sich bei so einer Reise in den Westen absetzen könnte, ist wohl auszuschließen. Sie läßt keinen Zweifel daran, daß sie eine loyale Bürgerin ihres Staates ist: „Weil ich hier aufgewachsen bin, mich zu Hause fühle. Wichtig ist auch, wie man in einer Gruppe aufgenommen wird, wie sich alle bei Erfolgen mitfreuen. Ich glaube, das Kümmern um den anderen ist bei uns ausgeprägter als bei Ihnen.“ Seit 1977 ist sie in der Partei. „Sportler werden bei uns von Anfang an gefördert. Bei unserer kleinen Bevölkerungszahl muß man musische und Sportbegabungen früh fördern.“

Marita Kochs Talent wurde entdeckt, als sie in der dritten Klasse war, bei einem Schulsportfest, als sie gleich drei Urkunden einheimste. Sie trat in die SSG (Schulsportgemeinschaft) ein, weil sie in einer Mannschaft spielen wollte. „Aber ich war so furchtbar klein, daß ich fast nur Ersatzspieler war.“ Sie zeigt mir Photos der kleinen Marita in einem Album. Selbst die Bilder von der Jugendweihe zeigen noch ein extrem kleines Mädchen, ohne jede Andeutung der langen Siegerbeine von heute.