Von Kurt Gaede

Unter deutschen Autofahrern wächst die Neigung, nach Kollisionen im Straßenverkehr unerkannt das Weite zu suchen. Im Jahr 1986 hat die Zahl der Unfallfluchten gegenüber dem Vorjahr wiederum zugenommen. Die Deutsche Presseagentur veröffentlichte im November das Ergebnis einer Umfrage bei den Behörden der Bundesländer, wonach das Delikt Unfallflucht zum Teil überproportionale Steigerungsraten verzeichnet – zwischen 3,3 Prozent (in Nordrhein-Westfalen) und 7,7 Prozent (im Saarland). Unter den Großstädten hält Frankfurt eine fragwürdige Spitzenstellung: Dort verschwand im vergangenen Jahr jeder vierte nach einem Verkehrsunfall. Jeder fünfte Kraftfahrer macht sich in München aus dem Staub“, meldete die Bildzeitung Anfang November.

Mehr Unfallfluchten also, auch und ausgerechnet im Europäischen Jahr der Verkehrssicherheit, von dem man sich einen Sinneswandel zu mehr Gemeinsinn und Verantwortungsbewußtsein im Straßenverkehr versprochen haben mag. Der Mut zum Eingeständnis eigener Fehler und zur Wiedergutmachung angerichteten Schadens sinkt, die Verursacher „hauen einfach ab“, wie Geschädigte den herbeigerufenen Polizeibeamten die Situation in der Regel kurz und treffend schildern – etwa 350 000 Mal im Jahr in der Bundesrepublik.

Nun ist zwar Unfall nicht gleich Unfall, und die große Zahl kommt nicht zuletzt auch dadurch zustande, daß alle Schrammen und Beulen auf Parkplätzen, an Ampeln oder sonstwo hierzulande als Verkehrsunfall gelten, doch muß man sich erinnern, daß Unfallflucht einst ein Ausnahmedelikt war. Noch 1960 lag zum Beispiel in Oldenburg i. O. (wo sich der Autor aus eigener beruflicher Erfahrung auskennt) die Quote bei nur zwei Prozent. Das war jeder fünfzigste Unfall. Heute ist es auch hier jeder fünfte. Wenn die Tendenz anhält, wird in Oldenburg bald jeder vierte, in Frankfurt und andernorts bald jeder dritte Unfallbeteiligte von der Unfallstelle flüchten.

Führt die Anonymität des Massenverkehrs dahin, daß die Interessen des Mitbürgers immer weniger, die eigenen hingegen immer stärker in den Vordergrund rücken? Der Paragraph 142 des Strafgesetzbuches bedroht das „Unerlaubte Entfernen vom Unfallort“ mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, wobei es ausschließlich darum geht, daß Geschädigte zu ihrem Recht kommen. Ihr Interesse an der Feststellung von Fahrer, Fahrzeug und Art der Beteiligung am Unfall liegt der Gesetzesvorschrift zugrunde, nicht etwa das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung.

Es scheint, als wisse oder glaube dies niemand so recht. Denn in der Praxis läuft ein Verbleiben am Unfallort nun einmal darauf hinaus, daß die Polizei gerufen wird, selbst bei Bagatellen, um die sich in anderen Ländern keine Polizei kümmert. Oftmals geschieht dies nur, weil die eigene Kraftfahrzeugversicherung im Vertrag jegliche Schuldanerkennung unter Androhung der Leistungsverweigerung verbietet. So wird aus dem Blechschaden ein Versicherungsfall.

Nach dem Crash das Büßergewand überzustreifen ist bestimmt kein Vergnügen. Obwohl falsches Verhalten im Straßenverkehr täglich tausendfach vorkommt, fällt es schwer, Fehlverhalten einzugestehen. Größte Hemmschwelle ist aber die Angst vor den Folgen. In Bagatellfällen vor allem die Angst vor Verlust des Schadensfreiheitsrabattes, in schweren Fällen die Angst vor Bestrafung und Verlust des Führerscheins, bei Alkoholeinfluß nahezu sicher. Bei sehr schweren Unfällen ist die Angst vor der Schande ein häufiges Motiv. Es bleibt dann für rationale Überlegungen wenig Raum, und der Mensch gehorcht mehr seinem Fluchttrieb als seinen Erziehungsmustern. Indem er den kleinen Scherereien aus dem Wege zu gehen meint, handelt er sich große ein.