Im Jahre 1962 fragte die Redaktion der amerikanischen Zeitschrift Look sich, Leser und Experten: Wie wird es auf unserer Erde in 25 Jahren aussehen? Die 25 Jahre sind in dieser Woche verstrichen. Über die Prognosen aus einer Zeit der Technikeuphorie und Wissenschaftsgläubigkeit darf man heute lächeln.

1987 – so die Look-Propheten – schweben wir auf Luftkissenfahrzeugen über Wiesen und (gesunde) Wälder. "Stolz, Wagemut und Neugier" haben uns ins Weltall gejagt. Selbstverständlich haben wir das Karzinom unter Kontrolle. Organverpflanzungen und elektronische Steuerung malader Körperteile sind unseren Doktoren ein Klacks. Janet Travell, Ärztin im Weißen Haus, freut sich 1962, da das fröhliche Gen-Manipulieren gerade begonnen hat: "Die Aufgaben einer Medizin der Zukunft liegen in den Möglichkeiten, menschliche Verhaltensmuster zum Wohl der Allgemeinheit zu verändern."

Look prophezeite auch all die wunderbaren Dinge, deren wir uns tatsächlich erfreuen könnten, wenn wir nur wollten: den vollautomatischen Arbeitsplatz, die vollautomatische Küche (selbstverständlich ist sie es, die auf die Tasten drückt, wenn er mit fünf Geschäftsfreunden überraschend zum Essen kommt). Es gibt den Segen des maschinenlesbaren Ausweises, der zugleich über die Kreditwürdigkeit Auskunft gibt. Weniger progressiv ist die Mode, die ein lahmer Look-Computer in 40 Minuten aus den Silhouetten der zurückliegenden 25 Jahre als letzten Schrei für 1987 errechnet: Glockenrock, Empiretaille und das unvergängliche Folterinstrument Pfennigabsatz.

Ölkrise und Vietnam, Flower-Power, der Ayatollah, die Pille, Umweltverpestung und Frauenbewegung sind fern. Die fröhlichen Jungs in ihren großen Autos fahren ohne Sicherheitsgurte spazieren. Die Dritte Welt ist ganz weit weg; Überbevölkerung und Hunger sind Angelegenheiten unterirdisch wirkender Kräfte ("Wir wissen zum Teufel nicht wohin mit den Überschüssen der amerikanischen Landwirtschaft").

1961 war Lumumba ermordet worden und die Berliner Mauer gebaut, 1962 war das Jahr der Kubakrise. Weder stand der Weltfrieden vor der Tür noch stieß "die Ausbreitung der westlichen Ideale von Freiheit" in der Welt auf ungeteilte Begeisterung. Dennoch prognostiziert John F. Kennedy ein Anwachsen des demokratischen Geistes. Sean O’Casey wähnt alle Kriegstreiber im Wachsfigurenkabinett und Frauen auf allen Gipfeltreffen. Martin Luther King erwartet ein christliches Zeitalter und ein Erröten der Welt über die vergangene Rassendiskriminierung. Erich Fromm schwankt zwischen den Voraussagen, entweder hätten die Überlebenden eines Nuklearkrieges eine Weltdiktatur errichtet oder eine Renaissance der vereinten Menschheit habe begonnen. Billy Graham sagt, was immer stimmt: Satanische Kräfte sind am Werk und deuten auf den Weltuntergang.

Woher die bodenlosen Prognosen? Zeigte ein Blick 25 oder 50 Jahre zurück nicht, daß es weder mit der Technik noch mit dem Frieden noch mit der Veredlung der Menschheit so rauschhaft vorangehen würde? "Selbstverständlich habt ihr fürs tägliche Leben dreihundert nichtige Maschinen mehr als wir, und im übrigen seid ihr genauso dumm, genau so klug, genau so wie wir." Die Botschaft ist noch über ein Vierteljahrhundert älter – von Kurt Tucholsky, 1926.

Elsemarie Maletzke