Zehn Jahre nach ihrer Gründung rief in Prag die von den Behörden unterdrückte Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ ihre tschechischen und slowakischen Landsleute auf, die politische Apathie zu überwinden und als aktive Staatsbürger an der Demokratisierung des Landes zu arbeiten. Auszüge aus dem Aufruf:

Auch die Vertreter der Macht bekennen sich in unserem Land hin und wieder zur Demokratie, zur Gerechtigkeit, zur öffentlichen Kontrolle ihrer Leistung. In der Regel sind das jedoch leere Worte, hinter denen sich diktatorische Willkür verbirgt, und deshalb hat sich die Gesellschaft daran gewöhnt, sie nicht ernst zu nehmen. In der letzten Zeit jedoch scheint sich zumindest in einigen dieser Äußerungen das Bewußtsein widerzuspiegeln, daß Änderungen notwendig sind.

Die unfruchtbare Erstarrung des gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Systems, das Zurückbleiben hinter den entwickelten Staaten, zu denen wir früher gehört haben, die ungenügende Erfüllung mancher Bedürfnisse und Forderungen, das alles wird immer deutlicher, reicht immer belastender in das Alltagsleben der Menschen hinein und weckt die Sehnsucht nach Veränderung...

Wir wissen selbstverständlich nicht, wann und auf welche Weise sich die Wende in diese Richtung in unserem Land verwirklichen wird. Wir wissen jedoch, daß sie früher oder später wirklich werden muß. Und wir wissen auch, daß das Schicksal dieses Landes nicht nur von der politischen Macht abhängt, und daß nicht einmal ihr eigenes Verhalten nur von ihr abhängt. Weitaus mehr hängt von dem ab, was wir alle tun, was die Gesellschaft tut. Geschichte wird nicht nur von Regierungen gemacht, und keine Regierung kann vollständig das übergehen, was die Bürger tun. Demokratie ist nicht etwas, was die einen den anderen geben. Sie ist eine Aufgabe für alle...

Befreien wir uns endlich von unserer bequemen Ergebenheit an das Schicksal! Hören wir auf zu warten, was die anderen tun, tun wir selbst etwas! Wachen wir auf aus der Apathie, verfallen wir nicht dem Gefühl der Vergeblichkeit, überwinden wir unsere Angst!...

Wozu wir hier aufrufen, ist nichts anderes und nicht mehr, als der Mut, zum Staatsbürger im vollen, schöpferischen und stärksten Sinne des Wortes zu werden. Ohne solche Bürger gibt es keine Demokratie.

Die Charta 77 hat niemals in irgendeiner Weise ihr partikuläres politisches Interesse verfolgt. Ihre Sache ist Sache der ganzen Gesellschaft. Deshalb fordern wir auch heute von niemandem, daß er öffentlich unsere Gemeinschaft erweitert oder unterstützt. Die Charta 77 ist nicht die einzige Hoffnung für diese Gesellschaft und hat sich nie dafür gehalten. Wir rufen die Bürger zu etwas anderem und wichtigerem auf. Sie sollten sich ihrer Freiheit bewußt werden und sich den hoffnungsvollen Gehalt der Losung klarmachen, die dem modernen tschechoslowakischen Staat in die Wiege gelegt wurde: Die Wahrheit siegt!