Mit welchen Strategien rechtsextremistische Verlage auf Lesersuche gehen

Von Hans Sarkowicz

Offensichtlich nähert sich der Zeitpunkt, an dem auch eine volksbewußte neue Partei die für solche Parteien aufgebauten Hindernisse überwinden kann. Die Zeit, in der die Bonner Parteien damit rechnen können, von vielen als ,kleineres Übel‘ gewählt zu werden, läuft aus.“

Mit diesen prophetischen Sätzen eröffnet Peter Dehoust, Chefredakteur und Herausgeber der in Coburg erscheinenden Monatsschrift Nation Europa, die November-Ausgabe 1986 seines Blattes. Sie ist dem Thema „Was kann man wählen?“ gewidmet.

Die vom Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums als ausländer- und judenfeindlich eingestufte Publikation (Auflage: 10 000 Exemplare) ist das erste rechtsextremistische Organ, das die Sympathien für die NPD mit offener Agitation für eine „Vereinigte Rechte“ unter Führung der „Republikaner“ vertauscht hat.

Ob Franz Schönhuber, dem Vorsitzenden der „Republikaner“, diese ungebetene Wahlhilfe recht ist, bleibe dahingestellt, akzeptieren wird er sie wohl gern, auch wenn er jede Verbindung zur extremen Rechten bestreitet. Harald Neubauer jedenfalls, jetzt zweiter Mann der „Republikaner“ und früher Redakteur der Deutschen National-Zeitung, fand sich für ein Interview mit Nation Europa bereit und erläuterte die Ziele seiner Gruppierung. Sie habe den Mut, „patriotische Positionen gegen nationalmasochistischen Meinungsdruck offensiv zu vertreten“. Der Erfolg von Schönhubers Partei bei den bayerischen Landtagswahlen kam keineswegs so überraschend. Schönhuber ist der eher zufällige politische Repräsentant einer Entwicklung, in deren Verlauf sich die Grenzen auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu verwischen beginnen.

Die rechtsextremistische Publizistik in der Bundesrepublik ist dabei, aus ihrem Getto herauszutreten. Sie bedient sich dazu populärer konservativer Intellektueller, die ihre Vorbehalte gegenüber Vertretern der Ultrarechten verloren zu haben scheinen.

Für diesen „Aufbruch“ gibt es zumindest zwei Gründe:

  • Zum einen dürften kommerzielle Interessen eine Rolle spielen; man erhofft sich schlicht einen besseren Absatz der Bücher und Zeitschriften;
  • zum anderen kommt darin die Unzufriedenheit mit dem bisher Erreichten zum Ausdruck.

Diese Zweifel an der eigenen Bedeutung artikulierten sich besonders stark in den von dem früheren Welt-Mitarbeiter Hans-Dietrich Sander redigierten rechtsextremistischen Deutschen Monatsheften (Auflage: 6000 Exemplare). Darin wurden die literarischen Seniorenzirkel vom Schlage der Kolbenheyer- oder der Herrmann-Burte-Gesellschaft ebenso attackiert wie die „harmlose Vereinigung“ NPD, die das Ostberliner Ministerium für Staatssicherheit als das „ihm lieb gewordene westdeutsche Buhmännlein“ pflege. Als Hans-Dietrich Sander dann ausholte, um die Buchproduktion der „Alten Garde“ einer kritischen Musterung zu unterziehen, griff der Verleger Gert Sudholt ein, und Sander verließ die Deutschen Monatshefte. Er hatte nicht damit kalkuliert, daß sich die rechtsextremistischen Verlage derzeit in zwei durchaus miteinander befreundete Gruppen spalten:

  • in die rückwärtsgewandten NS-Apologeten und
  • in die auf die bundesdeutsche Gegenwart konzentrierten Geschichtsrevisionisten und Neonationalisten.

Gert Sudholt, Ziehsohn des ehemaligen stellvertretenden Reichspressechefs Helmut Sündermann, gehört mit seinen Verlagen Druffel, Türmer und Vowinckel nun nicht, wie Sander wohl fälschlich vermutete, zur zweiten, sondern zur ersten Gruppe. Bei ihm erschienen unter anderen die „Anekdoten um Hitler“, die den „Führer“ als den „Heiteren, den Mitmenschlichen, den gemütlichen Österreicher“ zeigen sollen, „der sich und andere ein bißchen glücklich machen wollte“.

Daß sich mit Büchern wie „Die Reichsparteitage der NSDAP 1923-1939“, „Der Afrikafeldzug in Farbe“ und „,Zions‘ Griff zur Weltherrschaft“ auch heute noch viel Geld verdienen läßt, beweisen die Verkaufszahlen. Selten bleibt ein Band in der ersten Auflage, die immerhin schon 10 000 Exemplare und mehr ausmachen kann.

Neben Gert Sudholt, der die größte Verlagsgruppe im rechtsextremistischen Spektrum leitet, gibt es noch eine Reihe anderer Unternehmen, die sich mit Bildbänden, Memoirenliteratur und angeblichen „Dokumentationen“ auf die Zeit des Dritten Reichs spezialisiert haben. Einer großen Öffentlichkeit bekannt geworden ist dabei vor allen der Verlag des früheren SS-Hauptsturmführers und NPD-Funktionärs Waldemar Schütz, dessen Stand auf der Frankfurter Buchmesse immer wieder Ziel von Demonstrationen war. „Bestseller“

des schon öfter von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gelichteten Schütz-Repertoires sind die Bände „Verbrechen am deutschen Volk“ des „bedeutendsten revisionistischen Schriftstellers Deutschlands“, Erich Kern, und „Die Freiwilligen der Waffen-SS“ des ehemaligen SS-Generals Felix Steiner.

Wie groß gerade der Bedarf an SS-verklärender Literatur ist, beweist der mit der HIAG verbundene Osnabrücker Munin-Verlag, dessen Programm sich ausnahmslos der Geschichte der Waffen-SS widmet – mit großformatigen und teuer produzierten Bildbänden, die zwar relativ günstig, aber trotzdem selten unter der 40-Mark-Grenze verkauft werden.

Die im Laufe der Jahre immer opulenter werdenden Prospekte von Munin oder dem ebenfalls auf Kriegsgeschichte spezialisierten Podzun-Pallas-Verlag weisen darauf hin, daß das Interesse an derartigen Büchern eher zu- als abnimmt. Vermutungen, die Leserschaft dieser Werke habe das Rentenalter schon lange erreicht, scheinen sich damit nicht zu bestätigen.

Die Erinnerungen an die eigene „große Zeit“, der Wille, jeden Makel von den Deutschen zu nehmen, das dürften die Hauptgründe sein, apologetische Bücher über das Dritte Reich zu kaufen. Leser und Verlage sind in diesem Sinn eher eine verschworene Glaubensgemeinschaft als eine politische Gruppierung. Ziel dieser Bücher ist es, wie der „Volk-ohne-Raum“-Dichter Hans Grimm schon 1954 formuliert hat, zu zeigen, daß „das deutsche Volk der Welt gar nichts angetan hat, sondern ihm ist angetan worden ...“

Den ultrarechten „Intellektuellen“ genügt diese altväterliche Larmoyanz nicht mehr. Sie wollen selbst die Initiative ergreifen. Während Sander erfolglos versuchte, aus den biederen Deutschen Monatsheften ein selbst- und gesellschaftskritisches Diskussionsforum zu machen, begann der Tübinger Verleger Wigbert Graben den französischen „Neuen Rechten“ einen Stützpunkt in der Bundesrepublik aufzubauen.

Graben hatte bis dahin sein Geld vor allem mit dem Buch „Der erzwungene Krieg“ des Amerikaners David L. Hoggan verdient, in dem jede deutsche Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geleugnet wird. Diese „totale Verkehrung der historischen Wahrheit“ (Herbert Graml) erlebte bisher zwölf Auflagen.

Daneben erschienen oder erscheinen bei Graben Wilhelm Stäglichs „Auschwitz-Mythos“ und Ingrid Weckerts „Feuerzeichen“. Stäglich, dem unterdessen der Doktortitel aberkannt wurde, behauptet in seinem Buch mit nicht zu überbietendem Zynismus, daß es im Dritten Reich systematische Judenvernichtung gar nicht gegeben hätte. Alle anderslautenden Dokumente sind für ihn Fälschungen. Das war selbst der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zuviel. Am 19. März 1982 kam das Buch auf den Index.

Vor diesem ideologischen Hintergrund richtete Wigbert Graben das Thule-Seminar als deutsche Dependance der G.R.E.C.E. ein, die in Frankreich den Kern der „Nouvelle Droite“ bildet. Die Philosophie der französischen „Neuen Rechten“ basiert auf psychologischen und soziobiologischen Forschungen, vor allem auf den Untersuchungen des amerikanischen Erziehungswissenschaftlers Arthur Jensen, der herausgefunden haben will, daß 75 bis 80 Prozent der intelligenzbestimmenden Faktoren genetisch festgelegt seien. Diese naturgegebene Begrenztheit und Ungleichheit der Menschen stehe in einem krassen Gegensatz zu den unbegrenzten Entfaltungsmöglichkeiten der liberalistischen, sozialistischen und kommunistischen Theorien.

Kampf gegen die Gleichheit

Das oberste Ziel der „Nouvelle Droite“ heißt deshalb „Schutz der Verschiedenartigkeit der Menschen“ und „Kampf dem Egalitarismus“. Durch das bewußte Offenhalten der Interpretationsmöglichkeiten haben die Chef„denker“ der „Nouvelle Droite“ eine Gesellschaftstheorie entworfen, die Antisemitismus, Rassismus und den Führungsanspruch der Westeuropäer zu rechtfertigen vermag.

Obwohl die Chancen für die Durchsetzung der Ideen in der Bundesrepublik nicht schlecht standen und es Graben gelungen war, gleich für die erste Veröffentlichung des Thule-Seminars neben dem Londoner Psychologen Hans-Jürgen Eysenck auch den Publizisten und ehemaligen Geschäftsführer der Siemens-Stiftung, Armin Mohler, zu verpflichten, konnte der deutsche Ableger der „Nouvelle Droite“ keinen Einfluß gewinnen: Die Bücher der G.R.E.C.E. erwiesen sich als Ladenhüter.

Wigbert Graben mußte einen neuen Versuch starten, um rechte und ultrarechte „Intellektuelle“ unter seiner Fahne zu sammeln. Da der alte, mit seinem Namen verbundene Verlag (der im bekannten Stil weiterproduzierte) sicherlich manchen konservativen Wunschkandidaten abgeschreckt hätte, gründete Graben kurzerhand einen neuen. Zur Buchmesse 1985 stieg der Hohenrain Verlag mit Sitz in Tübingen, Zürich und Paris wie Phönix aus der Asche.

Jetzt ging die Rechnung auf. Das Verlagsprogramm präsentiert sich als kleiner Gemischtwarenladen. Unter anderem bietet Hohenrain an: ein Buch über außerirdisches Leben (Nachwort: Erich von Däniken), Erik von Kuehnelt-Leddihns Philippika gegen die demokratischen Grundprinzipien („Gleichheit oder Freiheit“), die „Großen Begegnungen“ der Bildhauerin Yrsa von Leistner (mit lobendem Werbetext von Mutter Teresa) und Jean Raspails Vision einer friedlichen Besetzung Frankreichs durch indische Emigranten („Ihre einzigen Waffen sind das Mitleid und die übertriebene Menschlichkeit der Europäer, die in ihrem Selbstbehauptungswillen schwankend geworden sind und Humanität über ihre eigene Erhaltung stellen“).

Höhepunkt des Verlagsprogramms ist zweifelsohne das dreibändige „Handbuch zur Deutschen Nation“, das im Herbst komplett vorliegen soll. Als Herausgeber tritt der Bochumer Politologe Bernard Willms auf, der mit seinem 1982 erschienenen Band „Die Deutsche Nation“ einiges Aufsehen erregt hatte. Willms, für den das politische Denken der Deutschen nach 1945 „den Charakter der hündischen Servilität“ gegenüber der „Ideologie der Sieger“ zeigt, predigt einen extremen Nationalismus. Die deutsche Nation, auf deren klare Definition Willms verzichtet, wird zum Wert an sich. Auch die Zeit des Nationalsozialismus will Willms so neu bewerten.

Obwohl der Bochumer Politologe für sein in sich widersprüchliches Buch herbe Verrisse erhielt, ist es ihm doch gelungen, für sein neues Projekt neben einschlägig bekannten Vertretern der Ultrarechten auch namhafte konservative Autoren zu verpflichten, so für den ersten Band („Geistiger Bestand und politische Lage“) den Würzburger Völkerrechtler Dieter Blumenwitz, den Salzburger Soziologen Mohammed Rassem, den früheren Rektor der Marburger Universität, Erich Schwinge, und den Herausgeber der Zeitschrift Criticon, Caspar von Schrenck-Notzing.

Der große Coup scheint Wigbert Graben mit dem vor wenigen Tagen erschienenen zweiten Band des Handbuchs („Nationale Verantwortung und liberale Gesellschaft“) gelungen zu sein. In einem Ankündigungsbrief an die Freunde seines Verlags vom 18. November bezeichnet er das fast 700 Seiten starke Konglomerat als „fundamentales Werk, dessen Autorenzusammensetzung in der Nachkriegszeit einmalig sein dürfte“. Es soll das „grundlegende Rüstzeug für die politische Diskussion um den Fortbestand DEUTSCHLANDS, aber auch zur bevorstehenden Bundestagswahl“ liefern.

Die Mitarbeiterliste ist in der Tat imponierend. Als Originalbeiträge finden sich in dem Band etwa Aufsätze des Erziehungswissenschaftlers Wolfgang Brezinka (Mitherausgeber der Zeitschrift für Pädagogik), des Rechts- und Staatswissenschaftlers Felix Ermacora (korrespondierendes Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften), des in Kanada lebenden Germanisten Hartmut Fröschle, des Politikwissenschaftlers Klaus Hornung (Herausgeber des „Politisch-Pädagogischen Handwörterbuchs“), der Psychagogin Christa Meves (Mitherausgeberin des Rheinischen Merkurs). Als Mitherausgeber für den dritten Band konnte Graben den Leiter des Wuppertaler Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie, Paul Leyhausen, verpflichten.

Die Kombination von rechtskonservativen und rechtsextremen Autoren gibt den Büchern ein bestimmtes Gepräge. Der Anschein von Seriosität wird geweckt. Einflußreiche Wissenschaftler lassen sich benutzen, um Ideologien leichter transportieren zu können, die bisher zu Recht ein Schattendasein führten.

Ein gutes Beispiel dafür ist der den zweiten Band des Handbuchs dominierende Aufsatz von Armin Mohler über die deutsche Vergangenheitsbewältigung. Sie sei „ein Teil des Tributs“, den „der Verlierer von 1945 zu tragen“ habe. Deutschland wird bei Mohler zu einem Opfer der Allierten, die den Deutschen eine „Bewältigungsindustrie“ oktroyiert hätten, um sie für alle Zeit zu entmündigen. Der selbsternannte Geschichtssaubermann räumt gründlich mit der deutschen Vergangenheit auf und stellt allem und jedem einen Persilschein aus. „Wer vom ‚deutschen Faschismus‘ spricht, ist mit Vorsicht zu behandeln. Er nimmt – ob als trojanischer Esel oder bewußt – an einem kommunistischen Desinformationsunternehmen teil.“ Der „Historiker-Streit“ der letzten Monate paßt glänzend in dieses Konzept. Nicht ohne Grund zitiert Mohler Ernst Nolte gleich mehrfach. Mohler, für den die Vergleichbarkeit der Nazi-Verbrechen außer Frage steht, geht nun einen Schritt weiter: Er attackiert das 1984 erlassene „Gesetz gegen das Leugnen und Billigen des nationalsozialistischen Völkermords“, weil es die wissenschaftliche Forschung behindere.

Unter dem Deckmantel angeblicher geschichtlicher Objektivität werden die Gaskammern von Auschwitz wieder zu Brausebädern. Mohler macht keinen Hehl aus seinen Sympathien für die extremen Vertreter dieser Richtung wie Stäglich, Arthur R. Butz und Robert Faurisson. Für ihn sind sie, die er ausdrücklich nennt, Autoren einer „radikaleren ‚revisionistischen‘ Literatur“.

Armin Möhlers Ausführungen machen deutlich, wie durchlässig die Grenze zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus geworden ist, Andere Artikel des Handbuchs demonstrieren, wie stark sich die Ideen zu vermischen beginnen. So korrespondiert die vehemente Ablehnung der modernen Kunst durch den rechtsextremen Publizisten Richard W. Eichler mit den Erziehungsidealen, die Wolfgang Brezinka unter dem Obertitel „Lebenstüchtigkeit“ zusammenfaßt. Brezinka jongliert mit Begriffen, die man längst in der pädagogischen Mottenkiste glaubte. Was er unter Erziehung versteht, mag folgendes Zitat verdeutlichen: „Ohne freundschaftliche Beziehungen zu Erwachsenen außerhalb der Familie kommt es zur übermäßigen Bindung an die Altersgenossen mit allen Gefahren der Ansteckung durch minderwertige Subkulturen.“

Der Wille zu Deutschland

Den meisten Autoren des „Handbuchs zur Deutschen Nation“ dürfte es keine Schwierigkeiten bereiten, der Leitthese von Bernard Willms zuzustimmen, die er im ersten Band formuliert hat: „Es gibt die deutsche Nation, ihre Geschichte hat nie aufgehört und sie ist immer noch Beziehungspunkt und Ziel deutschen Denkens, deutschen Strebens und deutscher Politik. Die deutsche Frage ist offen ... Es gibt die deutsche Nation, solange es noch einen Willen zu Deutschland gibt.“

Der „Wille zu Deutschland“ scheint auch den österreichischen Publizisten Gerd-Klaus Kaltenbrunner zu beseelen, denn er arbeitet ebenfalls an dem zweiten Band des Handbuchs mit. Das Thema seines Aufsatzes lautet: „Zur Krise der politischen Tugenden – Über die Bedrohung der Freiheit und des Menschen im pervertierten Sozialstaat“. Kaltenbrunner wendet sich darin gegen die „möglichst komfortable Knechtschaft eines totalitären Wohlfahrtsstaates“. Orientiert an den Ideen der französischen „Neuen Rechten“ predigt er Elitedenken. Er plädiert für den tapferen Helden in einer wehrfähigen Polis-Demokratie.

Für geheime Wahlen kann er sich gar nicht begeistern; sie mögen allenfalls „als demoskopische Institutionen nützlich sein, etwas Erhabenes sind sie wahrlich nicht“. Wer so mit den Errungenschaften unserer Geschichte umspringt, für den bedeutet Abrüstung fast selbstverständlich Schwäche. „Diese merkwürdige Unfähigkeit, in Kategorien weltpolitischer Feindschaft zu denken, ist eine typische Krankheit westlicher Wohlstandsdemokratien.“ Der „führende Theoretiker eines aufgeklärten europäischen Konservatismus“, wie ihn das „Munzinger-Archiv“ nennt, gibt unter anderem die Herder-Taschenbuchreihe „Initiative“ heraus. Sein jüngstes Buch „Wege der Weltbewahrung“ ist im Asendorfer MUT-Verlag erschienen, der in den siebziger Jahren die größte rechtsradikale Jugendzeitschrift (MUT) herausbrachte. Außerdem arbeitet Kaltenbrunner neuerdings für das im letzten Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums auführlich „gewürdigte“ Grabert-Hausblatt „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“. Im letzten Heft widmet er sich, wen wird es überraschen, Bernard Willms: „So wie Willms hat noch niemand nach 1945 zu den Deutschen gesprechen. Wir müssen schon bis zu Fichtes ‚Reden an die deutsche Nation‘ zurückgehen, um einer vergleichbaren Stimme zu begegnen. Willms ist... ein wiederauferstandener Fichte, der zusätzlich die Schule moderner Denker wie vor allem Max Weber und Carl Schmitt absolviert hat. Wenn einmal ungezählte, heute sehr prominente Politologen völlig vergessen sein werden, wird dem Philosophen Willms ... noch immer Respekt gezollt werden.“

Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit, Elitedenken und Geschichtsrevisionismus soweit es die Zeit des Nationalsozialismus betrifft – mit diesen Schlagworten scheinen sich manche konservative und rechtsextremistische Denker verständigen zu können. Diese Entwicklung ermöglicht es nationalistischen Geschichtsklitterern, gesellschaftsfähig zu werden. In einem Sammelband neben Kaltenbrunner, Willms, Leyhausen oder Diwald (der ebenfalls Grabert-Autor ist) zu stehen, nährt die Hoffnung, nicht nur von Gesinnungsfreunden gelesen zu werden. Bücher dieser Art finden leichter den Weg in die Buchhandlungen und damit auch in die privaten Bücherregale.

Daß es ein Interesse für solcherart verpackte Ideologiesplitter gibt, beweisen die erfolgreichen bayerischen Wahlkampfreden des „Republikaners“ Franz Schönhuber, in denen es nicht nur um Sicherheit und Ordnung, sondern auch um die Bewältigung des „Asylantenproblems“ und um die „Ehre der deutschen Nation“ ging. Keine Frage, daß für Schönhuber das Deutsche Reich weiterhin in den Grenzen von 1937 besteht.

Bestätigung findet Schönhuber bei der in Ingolstadt ansässigen „Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle“ des Schulhistorikers Alfred Schickel. Das Konkurrenzunternehmen zum Münchner „Institut für Zeitgeschichte“ ist stets bemüht, deutsche Schuld zu relativieren und die Verbrechen der deutschen Kriegsgegner aufzuzeigen (das nennt sich „vorurteilslose Tatsachenvermittlung“).

Schickel gibt unter anderem die „Materialien zur Ostkunde“ bei Herbig heraus. Auch ihn konnte Wigbert Graben für seinen Verlag verpflichten, so für das „Handbuch zur Deutschen Nation“ und für die Vierteljahresschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“.

Die geschickten Winkelzüge, mit denen es dem Tübinger Doppelverleger gelungen ist, bekannte Autoren an sein Unternehmen zu binden, haben in der rechtsextremistischen Publizistik schon einen, wenn auch mehr am kommerziellen Erfolg interessierten Nachahmer gefunden: den Kieler Dietmar Munier, der in den siebziger Jahren mit seinem „Sturmwind-Buchdienst“ gute Kontakte zu den „Jungen Nationaldemokraten“, dem „Bund Heimattreuer Jugend“ und der „Gesellschaft für Freie Publizistik“ unterhielt. Sein Reisebericht nach Pommern („Reise in ein besetztes Land“) erschien im Kieler Arndt-Verlag, der auch das „Handbuch gegen Überfremdung“ des NPD-Funktionärs Günter Decken herausbringt. Für die zweite Auflage des Munier-Bandes schrieb übrigens Hellmut Diwald das Vorwort.

Ende 1983 gründete Munier in Kiel den Orion-Heimreiter-Verlag neu, der als Heimreiter-Verlag bereits in den fünfziger Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatte. Leiter war damals Ernst Frank, ein Bruder des als Kriegsverbrecher hingerichteten Reichsprotektors von Böhmen und Mähren, Karl Hermann Frank. Die Freundschaft zu dem ebenfalls aus dem Sudetenland stammenden Schriftsteller Erwin Guido Kolbenheyer und die eigene Vergangenheit als NS-Funktionär prägten das Verlagsprogramm.

Munier beließ nach der Übernahme erfolgreiche Titel wie die Erinnerungen des Rammjäger-Kommodore Walther Dahl (16. Auflage) und die vehemente Verteidigung des als Kriegsverbrecher hingerichteten Reichsprotektors von Böhmen und Mähren, Karl Hermann Frank (4. Auflage), im Angebot, suchte aber parallel dazu nach Wegen, neue Leser zu gewinnen. Tatsächlich ist es ihm gelungen, einige prominente Autoren wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder Hans Jürgen Eysenck zu engagieren, die sich allerdings nicht bewußt sein dürften, in welchem Umfeld sie publizieren.

Die Taktik, mit zugkräftigen Namen auf Kundenfang zu gehen, findet im rechtsextremistischen Lager immer weitere Verbreitung. So wirbt der „Schutzbund für das Deutsche Volk“, der aus dem berüchtigten „Heidelberger Manifest“ hervorgegangen ist, mit einem von Karl Steinbuch verfaßten Flugblatt. Der Naturwissenschaftler und Bestsellerautor sieht darin die Zukunft Deutschlands bedroht, wenn nicht mehr Kinder in die Welt gesetzt werden.

Als Zugpferd für die Veranstaltungen seiner rund 12 000 Mitglieder umfassenden „Deutschen Volksunion“ setzt der Münchner Verleger Gerhard Frey den britischen Sensationshistoriker David Irving ein, der jederzeit standhaft verkündet, Hitler habe von der Judenvernichtung nichts gewußt. Bundesweite und sogar internationale Anerkennung gaukelt Frey den Lesern seiner Zeitungen mit der Serie „Woran glauben Sie?“ vor. In dieser Reihe erscheinen bisher unter anderen Interviews mit Hans-Jürgen Eysenck, dem früheren Nato-Oberbefehlshaber Sir John Hackett, Huschke von Hanstein, Christa Meves, Hugo Strasser, Heinz Haber und Erzbischof Lefebvre.

Für die rechtsextremistischen Verlage führt kein Weg an Frey vorbei. Mit seinen drei Zeitungen (Deutsche National-Zeitung, Deutscher Anzeiger und Deutsche Wochen-Zeitung die zusammen eine Auflage von weit über 100 000 Exemplaren erreichen, und dem angeschlossenen „Deutschen Buchdienst“ sorgt er, sicherlich nicht zu seinem eigenen Nachteil, für einen florierenden Umsatz aller der Publikationen, die in sein Konzept des Geschichtsrevisionismus passen. In dem von seiner Frau geleiteten FZ-Verlag erschien das „Enthüllungs-Lexikon – Prominente ohne Maske“ (6. Auflage seit 1984, unterdessen mit einem 2. Band), das „Ehrenbuch des deutschen Soldaten“ und „Die Wahrheit über Weizsäcker“. Schon diese drei Titel machen die Arbeitsweise von Frey deutlich. Es geht ihm darum, all diejenigen, welche sich zur deutschen Schuld bekennen, zu verunglimpfen und dabei das deutsche Soldatentum zu glorifizieren. Leser scheint es für diese Machwerke genug zu geben.

Obwohl viele rechtsextremistische Verleger mit Freys Zielsetzungen sympathisieren und von seinem Geschäftssinn profitieren, nimmt er eher eine Außenseiterrolle ein. Sein polterndes Auftreten und sein nach außen gekehrter Führungsanspruch, der sich gerade in diesen Tagen wieder durch die Gründung einer parteiähnlichen „Deutschen Liste“ zeigt, behagen den wenigsten. Das heißt aber nicht, daß seine Vertriebsmethoden nicht nachgeahmt würden.

Rechtsextremistische Buchdienste sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Kurt Hirsch vom Sozialdemokratischen Pressedienst „blick nach rechts“ vermutet, daß sie bei manchen Verlagen den größten Teil der Einnahmen ausmachen. Wie erfolgreich sie sein können, beweist der von Grabert und der Zeitschrift Nation Europa gemeinsam herausgebrachte Katalog, in dem auch bekannte Verlage mit jeweils auf die vermutete Käuferschicht zugeschnittenen Anzeigen vertreten sind, etwa Sinus, Busse Seewald, Scherz, Ullstein, Bernard & Graefe, Lübbe, Stocker und’-die Langen-Müller-Gruppe, die generell bei der Befeartdluhg zeitgeschichtlicher Fragen eine bemerkenswerte Toleranz an den Tag legt.

Bis vor kurzem waren diese Versanddienste die einzige Möglichkeit für rechtsextremistische Verlage, Bücher zu verkaufen. Jetzt haben Graben mit Hohenrain und Orion-Heimreiter als erste den Sprung in den seriösen Buchhandel geschafft. Das könnte die finanzielle Situation der beiden Unternehmen schlagartig verbessern.

Bisher schon war Wigbert Graben recht findig, wenn es darum ging, Geldquellen anzuzapfen. So verschickt er, wie übrigens auch sein Kollege Gert Sudholt, unaufgefordert Ansichtssendungen mit Büchern und bittet um Vertriebskostenzuschüsse. Außerdem fordert er seine Leser auf, ihm zinslose Darlehen zu gewähren oder die Vorfinanzierung für ein Buchprojekt zu übernehmen.

Bei so viel Geschäftstüchtigkeit und Werbeelan dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich die „Vereinigte Neue Rechte“ mit einer Deckfirma auch in die sogenannten Neuen Medien einkauft. Ein Konzept dafür gibt es bereits. Es wurde beim 7. Kongreß der Gesellschaft für Freie Publizistik im September 1984 in Kassel vorgestellt. Anlaß war der überraschende Erfolg der NPD bei den Europawahlen, den das Bundesinnenministerium unter anderem auf den Fernsehwahlspot der NPD zurückführte.

Vielleicht sollten die Politiker ihre geplanten Landesmediengesetze auch daraufhin noch einmal durchsehen.