Von Carl-Christian Kaiser

Wenn die bürgerliche CDU/FDP-Koalition in Bonn die geistige Kraft zu einer... Wende nicht aufbringt, wird sie scheitern. Sie wird scheitern, 1987 oder 1991, in welcher Form auch immer.“ So rigoros würde Günter Rohrmoser dieses Diktum aus dem November 1984, ausgesprochen auf einem Kongreß des „Studienzentrums Weikersheim“ zu der Frage, ob der Marxismus die gescheiterte Philosophie unserer Epoche sei, jetzt wohl nicht wiederholen. Im Januar 1987 fällt es schwer, sich ein Scheitern des Bonner Bündnisses vorzustellen, in welcher Form auch immer.

Aber an dem Credo des Ordinarius für Sozialphilosophie an der Universität Stuttgart-Hohenheim hat sich nichts geändert. Und wie in einem Fokus leuchtet in Person, Institution und Tagungsthema auf, was einen wesentlichen Teil des entschieden konservativen Flügels in der Union und darüber hinaus ausmacht, was ihn beschäftigt.

Zur Person: Günter Rohrmoser hat beträchtliches Aufsehen erregt, als er im Sommer 1985 in einem Aufsatz unter dem Titel „Das Debakel“ die verheerende Wahlniederlage der CDU in Nordrhein-Westfalen darauf zurückführte, daß die Partei für die von ihr propagierte Wende weder eine Philosophie noch ein Konzept noch eine Strategie habe. Seitdem flickt er der Union unermüdlich am Zeug. Daß er so etwas wie ihr „Hausphilosoph“ sei, wird ebensooft angenommen, wie er jede unmittelbare Verbindung mit ihr in Abrede stellt. Doch immerhin, im Klappentext einer der sorgfältigen Kongreßdokumentationen des Studienzentrums Weikersheim wird er als einer der „Vordenker“ dieser Einrichtung vorgestellt.

Zur Institution: Auch das Studienzentrum, nach seinem bevorzugten Tagungsort Schloß Weikersheim im fränkischen Taubertal benannt, hat mit der Union nicht direkt zu tun, sondern begreift sich als überparteilich. Aber sein Präsident ist Hans Filbinger von der CDU, ein ganz entschiedener Konservativer, 1978 als baden-württembergischer Regierungschef unter öffentlichem Druck auch aus seiner Partei grollend zurückgetreten, nachdem ihm mehrere Urteile der Marinejustiz zur Last gelegt worden waren, an denen er gegen Ende der deutschen Besetzung in Norwegen beteiligt war. Schatzmeister und wichtiger Motor des Studienzentrums ist der Brigadegeneral a. D. Heinz Karst, der sich weiland mit den Prinzipien für die innere Führung der Bundeswehr schwertat und 1970 unter dem damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt freiwillig seinen Abschied nahm. Schließlich gehören zum Kuratorium viele, die auf den verschiedensten Gebieten als Verfechter ausgesprochen konservativer Positionen hervorgetreten sind.

Das Studienzentrum Weikersheim wurde schon 1979 gegründet und wird ausschließlich aus den Beiträgen seiner mehr als 500 Mitglieder und Förderer finanziert, zumal aus Spenden wohl besonders der baden-württembergischen Industrie und des Handwerks. Es sieht seine „vordringliche Aufgabe in der Arbeit an einer geistig-ethischen Erneuerung aus der Kraft unseres christlichen Ursprungs“. Außer den Kongressen gibt es Offizierstagungen, Gespräche mit Vertretern der Wirtschaft und Verwaltung, Jugendtreffen und Diskussionsrunden zur Deutschlandpolitik. Kein Zweifel, Weikersheim ist zum institutionalisierten Zentrum konservativen Denkens geworden, und wenn es eine Art Copyright für die vielberufene Forderung nach einer „Wende“ gibt, dann liegt es dort.

Zum Tagungsthema: Die Frage nach dem Scheitern des Marxismus, genauer, der neomarxistischen Strömungen nach 1968, war natürlich eher rhetorisch gemeint. Für die Weikersheimer ist das im Grunde eine ausgemachte Sache. Gleichwohl kennzeichnet es ihre Zusammenkünfte wie alle ähnlichen Runden, daß sie auch, und oft sogar vor allem, ihren Impetus aus dem studentischen Aufbegehren am Ende der sechziger Jahre und dem Bonner Machtwechsel 1969 beziehen. Was sich damals und danach ereignet hat, ist in ihren Augen nichts Geringeres als eine Kulturrevolution, um so tiefgreifender und gefährlicher, als ihr die Christlich-Demokratische Union nichts entgegenzusetzen hatte – und ihr, wie die Konservativen finden, nach dem neuen Machtwechsel von 1982/83 bisher viel zu wenig entgegensetzt. Was Wunder, wenn Hans Filbinger in seiner Studierklause am Rande Stuttgarts, von den jüngsten Hamburger Brandanschlägen ausgehend, die Frage aufwirft, ob es denn zu einer mafiaähnlichen Stadtguerilla kommen werde, gegen deren Übergriffe sich Geschäftsleute am Ende durch Kontributionen versichern würden. Das ist für ihn nur ein angewandtes Beispiel aus dem Sündenbuch des permissiven Staats und seiner exekutiven Schwäche. Dieses Beispiel steht wiederum für das, was in Weikersheim und anderswo unter den Stichworten der „Dekadenz und Erschlaffung“ (so Professor Klaus Hornung, Politologe an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen, in dem Sammelband „Mut zur Wende“) oder als Gefälligkeitsdemokratie, die sich selber zum Untergang verurteile (Professor Nikolaus Lobkowicz, Präsident der Katholischen Universität Eichstätt im gleichen Band), erörtert wird.