Deng Xiaoping will Reformen, aber keine westliche Demokratie / Von Matthias Naß

Als Mao Tse-tung 1957 Moskau besuchte, nahm er den sowjetischen Gastgeber Nikita Chruschtschow zur Seite und deutete auf ein Mitglied seiner Delegation: „Sehen Sie den kleinen Mann dort drüben? Er ist hochintelligent und hat eine große Zukunft vor sich.“ Der chinesische KP-Chef ahnte wohl selbst nicht, wie recht er mit seinem Urteil behalten sollte. Deng Xiaoping, von dem damals am Rande der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution die Rede war, lehrte die Welt drei Jahrzehnte später mit seinem Jahrhundertexperiment der Modernisierung Chinas das Staunen. Der „unausstehliche kleine Mann“, wie Henry Kissinger Deng einst abschätzig nannte, wurde zu einem Giganten auf der politischen Bühne. Neben dem visionären Republikgründer Mao Tse-tung veränderte niemand das Gesicht Chinas so sehr wie der Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping. „Mao verdanken wir die Befreiung, Deng den Wohlstand“, sagen die Chinesen heute.

Von unbändiger Energie, eigensinnig, zäh hat der Sohn eines Großbauern, 1904 in der südwestlichen Provinz Sichuan geboren, mit zwanzig Jahren als Werkstudent in Frankreich der Kommunistischen Partei Chinas beigetreten, Krieg und Bürgerkrieg, Richtungskämpfe und Palastintrigen überlebt. „Ich erlebte drei Tode und drei Wieaerauferstehungen“, sagte er einmal lachend zu der italienischen Journalistin Oriana Fallaci. Mao zürnte dem selbsternannten „Kaiser“, als Deng Anfang der sechziger Jahre die Volkskommunen-Politik mit eigenen Dekreten konterkarierte. „Deng ist taub, aber bei Besprechungen setzt er sich immer weit weg von mir“, beklagte sich der Parteichef über den selbstherrlichen Generalsekretär.

Deng ist tatsächlich schwerhörig. Dies sei die gerechte Strafe für einen unabhängigen Geist wie ihn, kokettierte er: „Marx sitzt im Himmel, er ist sehr mächtig. Er sieht, was wir tun, und es gefällt ihm nicht. Deshalb hat er mich mit Taubheit gestraft.“ In Wahrheit hat Deng die Tempel der marxistischen Ideologen nie gestürmt. Nur sterile Schreibstubengelehrsamkeit ist ihm zuwider. Ein Marxist, verlangt er, müsse die Wahrheit in den Tatsachen suchen.

Wohin sein „Sozialismus chinesischer Prägung“ das Land führen wird, weiß auch Deng nicht. Er hat keine Blaupause für das Ziel seiner Reformen. „Man könnte sagen, daß sich die Chinesen derzeit im Zickzackkurs durch eine unbekannte Landschaft bewegen, die im Nebel liegt“, sagt der kluge China-Beobachter David Bonavia. Eines ist jedoch gewiß: Eine Demokratie nach westlichem Muster schwebt Deng sicher nicht vor. Sollten die Studenten, die jetzt vier Wochen lang mit dem Ruf nach Demokratie, Freiheit und der Verwirklichung der Menschenrechte auf die Straße gingen, von Deng Unterstützung für ihre Forderungen erwarten, werden sie sich bitter enttäuscht sehen. Gefragt, ob China im Jahr 2000 noch kommunistisch sein werde, antwortete Deng: „Das weiß ich nicht. Ich jedenfalls werde bis zum Ende meines Lebens Marxist-Leninist bleiben.“

Trotzdem hat Deng in den vergangenen acht Jahren unbekümmert ideologischen Ballast über Bord geworfen. Nicht mehr der Klassenkampf, sondern die Modernisierung der Wirtschaft steht für die Partei heute an erster Stelle. Deng schaffte die Volkskommunen ab; die Bauern dürfen heute unter dem „Verantwortlichkeitssystem“ auch wieder in die eigene Tasche wirtschaften. In den Industrieunternehmen sollen nicht mehr die Parteifunktionäre, sondern die Manager über Produktion und Vertrieb entscheiden. Unrentable Betriebe sollen schließen, faule Arbeiter sollen entlassen, fleißige mit Prämien belohnt werden. „Es ist ruhmvoll, reich zu werden“, lautet Dengs Glaubenssatz.

Dengs Appell an den Erwerbssinn der Chinesen setzte ungeahnte Energien frei. Gleichzeitig begann jedoch die Korruption zu blühen, stieg die Wirtschaftskriminalität. Die Reformgegner in der Parteiführung warnten vor den „üblen Winden“, die durch Chinas geöffnete Fenster aus dem Ausland hereinströmten, beklagten die „Anbetung des Geldes“ und eine wachsende ideologische Verwirrung. Doch Deng hielt an seinem Kurs der Reform und der Öffnung Chinas gegen alle Widerstände fest. Konsequent ging er im letzten Jahr noch einen Schritt weiter: Die Wirtschaftsreform, so warnte er, müsse scheitern, wenn ihr nicht die Reform der politischen Struktur folge. Indem er die Verwirklichung der „sozialistischen Demokratie“ auf die Tagesordnung setzte, ging er ein beträchtliches politisches Wagnis ein. Plötzlich kennt die von oben ermutigte intellektuelle Debatte kaum noch Tabus: Die Reformer haben eine Lawine losgetreten.