Von Wolfgang Pehnt

Die ersten Worte im ersten Heft des ersten Jahrgangs, mit denen 1926 die Zeitschrift „Das neue Frankfurt“ begann, lauteten: „Neue Geistes- und Seelenkultur“. Sie stehen am Anfang einer Proklamation von Ludwig Landmann, dem liberalen Stadtoberhaupt Frankfurts am Main. Zusammen mit den Ratsparteien, die der Weimarer Koalition entsprachen, und mit seinem sozialdemokratischen Kämmerer Bruno Asch schuf Landmann das Klima, in dem eine der bedeutenden Leistungen des modernen Städtebaus gedieh, der Frankfurter Siedlungsbau. 16 000 Wohnungen entstanden innerhalb von fünf Jahren, eine soziale Tat, ein Dokument des Neuen Bauens, vielbewundertes Exkursionsziel der Fachleute schon in den zwanziger Jahren.

„Eine neue Geistes- und Seelenkultur“: Das hätte auch einer von Landmanns christdemokratischen Amtsnachfolgern sagen können, die heute gleichfalls ein „Neues Frankfurt“ vertreten. Das neue „Neue Frankfurt“ hat mit Alter Oper und Museumsufer, mit Römerberg-Kulissen und Bankhochhäusern, mit Messe-Expansion und Postmoderne Schlagzeilen gemacht. Dem Geschäftssinn seiner dynamischen Wirtschaftsunternehmen stellt es beschwichtigend die Segnungen der Baukunst an die Seite. Das alte „Neue Frankfurt“ dagegen betrieb Siedlungsbau und Sozialpolitik und verstand unter Kultur die „Würde der praktischen Zwecke“, Die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ rühmte Max Beckmanns Bilder und Erwin Piscators Theater. Aber mehr noch war von Wirtschaft und Hygiene die Rede, von Sport, Jazz, Kino und Jugendbewegung, von „grünen“ (jawohl!) Dächern und der Befreiung der Frau. Und vor allem von den erstaunlichen Veränderungen der Stadt Frankfurt, seitdem dort ein parteiloser Stadtbaurat namens Ernst May amtierte.

Es war an der Zeit, daß das heutige „Neue Frankfurt“, das auf die jeweils interessante Aktualität setzt, sich jenes Frankfurts erinnerte, das vor sechzig Jahren das Neue als eine Ordnung der alltäglichen Lebenswirklichkeit realisieren wollte. Im dritten Jahr seiner Existenz widmete das Frankfurter Architekturmuseum seine zwanzigste Ausstellung, endlich, Ernst May oder richtiger: den fünf Jahren seines Frankfurter Wirkens. May, der zuvor in Breslau eine gemeinnützige Siedlungsgesellschaft geleitet hatte, wurde im Jahr 1925 nach Frankfurt berufen. Im Oktober 1930 brach er zusammen mit vielen jungen Kollegen zu seinem russischen Abenteuer nach Moskau auf.

Niemand unter seinen Fachgenossen hat innerhalb kürzerer Zeit mehr erreicht als er – Martin Wagner in Berlin ausgenommen.

Ernst May warf einen langen Schatten nicht nur, weil er ein Hüne von Gestalt war. In Frankfurt hatte er Kompetenzen, von denen ein heutiger Stadtbaurat nur träumen (oder aipträumen) kann: Stadt- und Regionalplanung, Hoch- und Tiefbauamt, Bauafsicht und -beratung, Gartenamt und Grundbesitzverwaltung. Er plante, setzte durch und führte aus. Er war der Herr jedes Verfahrens, von den ersten Erhebungen bis zur propagandistischen Verwertung, auf die man sich in Frankfurt nicht weniger verstand als am Weimarer und Dessauer Bauhaus. An Fritz Wicherts Kunstschule, auf ihrem Felde eine der wichtigsten Ausbildungsstätten der Republik, leitete er ein Meisteratelier, in dem er sich freilich nur selten blicken ließ.

May war ein listenreicher Pragmatiker. Seine Autorität spielte er aus, wo es not tat, und manchmal auch dort, wo es nicht not tat: Wenn wieder einmal in Praunheim oder am Bornheimer Hang ein Mieter seinen Eßtisch in die schmale Reformküche Grete Schütte-Lihotzkys gezwängt hatte, allen Regeln der Funktionstrennung zum Trotz. Probleme scheinen ihn befeuert zu haben. Seine Vorbilder nahm er aus der Praxis, aus Gartenstadtbewegung und Wohnungsreform, aus der jungen englischen Tradition der Trabantenstadt, die er bei seinem Lehrer Raymond Unwin kennengelernt hatte.