Nun haben wir jahrelang vernommen, daß es gegen die bedrückende Arbeitslosigkeit kein Patentrezept gebe, daß langer Atem zu ihrer Beseitigung vonnöten sei, daß Beschäftigungsprogramme nur Strohfeuer in Brand setzten, und dann treten kurz vor der Bundestagswahl zwei Berliner Sozialwissenschaftler mit einem Konzept aus der Kulisse, das am festgefügten Weltbild rüttelt.

„Stellen Sie sich bitte vor“, fordern die beiden Professoren Peter Grottian und Burkhard Strümpel, „Bundeskanzler Kohl (CDU) oder Kanzlerkandidat Rau (SPD) würden 500 000 Arbeitslosen ein konkretes Angebot machen: 500 000 Arbeitslose, die länger als ein halbes Jahr arbeitslos sind, sollen sich selbst Arbeitsplätze suchen, die ihren Vorstellungen nahekommen und die vom Staat bezahlt werden. Die neuen Arbeitsplätze sollen in Klein- und Mittelbetrieben, in öffentlichen, in kirchlichen, sozialen Selbsthilfe-Einrichtungen sein... Der Arbeitslose handelt seinen Arbeitsvertrag mit dem zukünftigen Arbeitgeber aus.“ Das Gehalt (800 bis 2400 Mark netto im Monat) zahlt, nach den Vorstellungen von Grottian und Strümpel, für drei Jahre der Staat.

Wer nun erwartet hat, daß die beiden Berliner Professoren ihre „konstruktive Provokation“ wirtschaftspolitisch untermauern, wird enttäuscht. Ökonomisch argumentieren die beiden Sozialwissenschaftler nicht, vielmehr begründen sie ihre Idee mit der Erkenntnis, daß Arbeitslosigkeit... „in Wahrheit kein großes politisches Wahlkampfthema (ist), und die Angebote der Parteien an die Arbeitslosen eher zynischen Vertröstungs- oder Hoffnungspäckchen“ entsprechen. Mit groß angelegten Programmen könnten die Arbeitslosen ohnehin nichts anfangen. Mit ihrem Programm, darin sehen die beiden Wissenschaftler dessen Legitimation, ist es offenbar anders, denn eine Umfrage ergab, daß zwei Drittel der Interviewten die Vorschläge von Grottian und Strümpel für sehr oder ziemlich geeignet halten.

Nun kann Demoskopie nicht Richtschnur für politisches Handeln sein, und die Popularität wirtschaftspolitischer Maßnahmen muß nicht deren Qualität beweisen. So auch in diesem Fall. Denn was Grottian und Strümpel als „Sofortprogramm“ bezeichnen, ist bei Licht besehen ein alter Hut. Seit zwölf Jahren verhilft die Bundesanstalt für Arbeit mit sogenannten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) Leuten ohne Jobs zu einer bezahlten Stellung. Die Kosten trägt die Bundesanstalt.

So werden in diesem Jahr voraussichtlich 110 000 Arbeitslose vor allem im öffentlichen und sozialen Sektor einen vollständig subventionierten Arbeitsplatz einnehmen. Diese Methode der Arbeitsbeschaffung stößt nach Meinung der Bundesanstalt inzwischen an ökonomische Grenzen. Es besteht die Gefahr, daß mit weiteren ABM-Jobs reguläre Arbeitsplätze vernichtet werden. Denn die ABM-Plätze haben einen uneinholbaren Kostenvorteil gegenüber konkurrierenden Arbeitsplätzen, deren Löhne und Lohnnebenkosten durch auf dem Markt verkaufte Produkte und Dienstleistungen erwirtschaftet werden müssen.

Nonchalant übergehen Grottian und Strümpel eine weitere Nebenwirkung ihres Patentrezepts: die Wettbewerbsverzerrung zwischen Betrieben, die vom Staat bezahlte Arbeitslose einstellen und jenen, die leer ausgehen. Die beiden Professoren wollen nur Klein- und Mittelbetriebe mit maximal zwanzig Beschäftigten in den Genuß ihres Programms kommen lassen, die höchstens zwei Mitarbeiter im Rahmen des Sofortprogramms engagieren dürfen. Es kann also passieren, daß ein Betrieb zehn Prozent seines Personals vom Staat bezahlt bekommt, der Konkurrent hingegen sämtliche Löhne aus eigenen Erträgen decken muß.

Kein Zweifel kann daran bestehen, daß soviel staatliche Milde Mißbrauch geradezu herausfordert und dem Programm viel von seiner beabsichtigten Wirkung nimmt.