Von Bernhard Wördehoff

Das Bedürfnis der Deutschen (West), ihre Nationalsymbole Hymne und Flagge zu aktivieren, ist nicht zu überhören und zu übersehen. Den unbestreitbaren Vorsprung der Deutschen (Ost) holen wir zügig auf. Dem Schönheitsfehler, daß in der DDR die Hymne nicht mehr gesungen wird, weil Johannes R. Becher darin „Deutschland einig Vaterland“ sein läßt, haben wir trotzig die säkulare Streitfrage entgegengesetzt, ob die Schutzbefohlenen des Stuttgarter Kultusministers außer der dritten Strophe des Liedes der Deutschen auch die beiden anderen lernen sollten. Im „Flagge zeigen“ macht die Bundesrepublik gegenüber der DDR ebenfalls fleißig Boden gut. Nicht nur ist die Metapher gang und gäbe im Munde Bonner Politiker; die Aufforderung, Flagge zu zeigen, wird auch zunehmend beim Worte genommen und bei bedeutenden nationalen Anlässen Schwarz-Rot-Gold entrollt, gewinkt, geflattert, gezeigt, sei es bei einem Fußball-Länderspiel oder wenn das Fernsehprogramm seine letzten Zuschauer nach Mitternacht ins Bett sinken läßt.

Wie ist die (ein bißchen forcierte) Selbstverständlichkeit zu deuten, die bei uns seit einiger Zeit im Umgang mit der Flagge zur Schau getragen wird? Erleben wir nun den Ausgleich dafür, daß es die Geschichte mit dem Nationalstaat und seiner Flagge bislang nie gut gemeint hat?

Merkwürdig genug sind Bedeutung und Wirkung dieses farbigen textilen Produkts als Symbol für den nüchternen Verstand. Doch hilft uns auch hier die Wissenschaft; Dr. Whitney Smith, Direktor des Flag Research Center in Winchester/Mass, (ihm ist das unentbehrliche und schöne Wort „Vexillologie“ – Lehre von den Flaggen – zu danken) hat als Flaggenforscher eine einleuchtende Erklärung parat, die wir wegen ihrer wissenschaftlichen Ausführlichkeit nur im Kern zitieren können:

„Der urzeitliche, in das Blut eines Feindes getauchte und auf einem Stock in die Höhe gehaltene Lappen – dieser wortlose Sieges- und Herrschaftsschrei – ist ein millionenfach in der menschlichen Existenz wiederholtes Motiv. Fahnen verkörpern die Uberwindung der Natur, von Mitmenschen oder seiner selbst – und eine Überwindung ebenso oft durch Begreifen und Anpassung wie durch Eroberung und Vernichtung.“

Fahnen symbolisieren zumal die Legitimation staatlicher Existenz, so daß, sie zu unterstreichen, das Textil oft genug mythisch verklärt die Legende nährt. So soll der Danebrog, angeblich die älteste Staatsfahne überhaupt, den Dänen am 15. Juni 1219 in der Schlacht König Waldemars II. gegen die heidnischen Esten vom Himmel gefallen sein. Das ist natürlich nicht mehr nachzuprüfen. Erwiesen hingegen ist, daß der späte erste und 1849 gescheiterte Versuch der Deutschen, einen Nationalstaat zu etablieren, für seine schwarz-rot-goldene Flagge eine mythische Erklärung bemühte, die falsch war. Noch Ricarda Huch schrieb: „Die Generation der Befreiungskriege hatte die Farben Schwarz-Rot-Gold angenommen, weil es die Farben der Sturmfahne dies heiligen Reichs gewesen waren, das freventlich zerstört worden war und wiederhergestellt werden sollte ...“

Tatsache ist, daß es eine Sturmfahne des Römischen Reiches Deutscher Nation nicht gab. Tatsache ist auch, daß das Freikorps Lützow 1813 eine Uniform trug, die schwarz war und Rot und Gold enthielt, aber weder besangen die schwarzen Gesellen diese Farben noch inspirierte das zu Reichsfarben erkorene Muster nachdrücklich die zeitgenössischen Liedermacher und Lyriker. Daß Schwarz, Rot und Gold zu Farben der deutschen Einheitsbewegung wurden, kommt aufs Konto der Jenaer Burschenschaft. Ihr stickten 1816 die Damen der Stadt eine Fahne mit schwarz-roten Streifen, einem goldenen Eichenzweig in der Mitte und goldenen Fransen ringsum.