In der Heidelberger Genfirma Orpegen variiert derzeit ein Syntheziser die „Melodie“ für ein Hormon. Wie von Geisterhand verschwindet eine lange Reihe kleiner Plastikfläschchen ins Innere des nüchternen Synthese-Kastens. Dort finden programmierte Kompositionen statt. Iso, Leu, Ala und His steht auf den Fläschchen; Abkürzungen für Aminosäuren. Aus ihnen werden verschiedene Varianten eines Eiweißstoffes synthetisiert, des Herzhormons. Dieser körpereigene Stoff gibt Anlaß zu großen Hoffnungen, denn er hilft gleich auf zwei Wegen, den Blutdruck zu regeln. Leider wird das Hormon im Körper sehr schnell abgebaut, was seinen therapeutischen Einsatz erschwert. Deshalb soll der Aminosäuresynthesizer nach dem natürlichen Vorbild ein stabileres, blutdrucksenkendes Medikament konstruieren.

Das Patent für das Hormon hält Professor Wolf Forssmann von der Universität Heidelberg. Er hat den Wirkstoff vor zwei Jahren bei Ratten und Schweinen entdeckt, als er deren Herzmuskel intensiv unter die Lupe nahm. Elektronenmikroskopische Aufnahmen zeigten Körnchen, die zunächst im Fachjargon Granula hießen. Bald konkretisierte sich der Verdacht, daß es sich um einen Stoff handelte, den das Herz selbst produziert: Ein Peptid (Eiweißstoff), das im Herzvorhof entsteht und mit dem Blut an seine Wirkungsorte gelangt. Damit entspricht es auch der klassischen Definition eines Hormons; das Herz ist eine Hormondrüse. Das Herzhormon erweitert die Blutgefäße und sorgt in der Niere dafür, daß mehr Flüssigkeit ausgeschieden wird. Beides bewirkt eine Senkung des Blutdrucks.

Nun kennt man insgesamt rund fünfzig Stoffe, die an der Regulation des Blutdrucks beteiligt sind und überall im Körper vorkommen. Doch keiner kann sich der Doppelwirkung des Herzhormons rühmen. Dieses wird in speziellen Drüsenzellen des rechten Herzvorhofes als sogenanntes Prä-Prohormon gebildet. Es besteht aus einer langen Kette von 151 Aminosäuren, aber nur ein 28 Aminosäuren langes, abgespaltenes Stück löst die beschriebenen Wirkungen bei Mensch und Tier aus. Gemäß seiner Herkunft und seiner Funktion heißt das Herzhormon auch Kardiodilatin (Kardia = Herz, diktieren = erweitern).

Da die Folgekrankheiten eines hohen Blutdrucks die häufigste Todesursache in den westlichen Industriestaaten ausmachen, ist die Entdeckung des Herzhormons von enormer medizinischer Bedeutung. Viele epidemiologische Studien belegen, daß etwa jeder fünfte Erwachsene einen zu hohen Blutdruck hat und daß allerlei Risikofaktoren daran schuld sind. Gesundheitskampagnen, die dem entgegenwirken sollen, verpuffen weitgehend. Bis sich Gesundheitsbewußtsein und -verhalten ändern, verstreichen bekanntlich Jahrzehnte. Viele setzen deshalb darauf, die Volkskrankheit Bluthochdruck mit einer Pille in den Griff zu bekommen. US-amerikanische Pharmafirmen haben bereits zig Millionen Dollar investiert, um ein blutdrucksenkendes Medikament auf der Basis des Herzhormons zu entwickeln.

Bislang sind zwei Stoffklassen auf dem Markt, die den Blutdruck senken: die Vasodilatatoren erweitern die Blutgefäße, und die Diuretika sorgen über die Niere für eine vermehrte Wasserausscheidung. Gelänge es nun, das Herzhormon als Medikament nachzubauen, dann hätte man ein Mittel in der Hand, das beide Eigenschaften in sich vereinigt. Soweit die Pläne.

In der Heidelberger Genfirma ist der getreue Nachbau des Herzhormons längst gelungen. Auch erste klinische Erfahrungen mit dem synthetischen Produkt liegen vor. Bei akutem Herzversagen, etwa nach einem Infarkt, haben sich die positiven Wirkungen bestätigt. Dem Patienten wird innerhalb einer Stunde per Infusion etwa ein tausendstel Gramm des Herzhormons verabreicht. Das ist über hundertmal mehr als die normale Tagesproduktion unseres „Drüsenmuskels“. Der Organismus reagiert auf diese hohe Dosis, indem er mehr Wasser und Kochsalz ausscheidet. Das Herz pumpt dann gegen einen geringeren Widerstand an. Diese Erfahrungen hat Professor Günter Riegger an der Uni-Klinik Würzburg an sieben Patienten gemacht. Für eine solche akute Kurzzeittherapie scheint das Herzhormon gut geeignet.

Aber die Sache hat einen Haken: Die Wirkung hält kaum länger als eine Stunde an. Schon nach drei Minuten ist nur noch die Hälfte des verabreichten Stoffes im Körper vorhanden, so schnell wird er abgebaut. Hinzu kommt, daß sich der Körper offenbar sehr rasch an hohe Hormondosen gewöhnt – auch deshalb nimmt die Wirkung bereits nach einer Stunde ab. Bisher gibt es noch keine schlüssige Erklärung für diesen Gewöhnungseffekt. Fazit: Man braucht „riesige“ Mengen für eine längere Therapie, und das ist im Moment noch sehr teuer.