Wo steht der deutsche Arbeitslose? Im gesellschaftlichen Abseits an der Theke. Hingegen steht der deutsche Unternehmer mit beiden Beinen fest am Swimmingpool und mitten im gesellschaftlichen Leben. Kippt jener Schnaps und Bier, so nimmt dieser Schampus zu sich und mittags Tatar.

Fleischlich roh auch sind die Beziehungen zwischen der dumpfen Welt der Arbeit und der des Kapitals: "Drei Pfund Tatar in Biarritz. Weißt du noch? Aber das Beste, Traudel, was ich je gegessen habe, dein Fisch auf La Gomera. Komm. Hinüber. Ins Wasser. Den Schampus nehmen wir mit." So spricht Claudius Gutensohn, Industrieller, doch Traudel – wie der Name sagt: eine Frau des Volkes – entgegnet: "Es geht nicht, Charley." Tragödien deuten sich an, fern am Horizont.

Einst, vor 25 Jahren, fragte Hubert seine Frieda (wie uns der Name wieder sagt, ist Hubert Unternehmer, Frieda aber eine Volksvertreterin), er fragte also, indem er "eine Flasche Sekt" auspackte: "Kennst du die Marke noch?" – denn Hubert hatte seine Geliebte vier Jahre lang nicht mehr gesehen, sie war nunmehr verheiratet – und Frieda erwiderte mit dem Stolz der unteren Schichten: "Ich trink ganz selten was. So was überhaupt nicht mehr."

Das war in Walsers Stück "Der Abstecher", da hat sich also nicht sonderlich viel getan inzwischen. Schampus jetzt statt Sekt, und Claudius hat seine Traudel bloß sieben Monate nicht mehr gesehen (es ist alles viel hektischer heute); sie hat inzwischen geheiratet, sie also auch, und ist Kneipenwirtin, während Frieda noch Kaffeeserviererin gewesen war: leise Fortschritte in Richtung Wohlstand. Auch sagt Traudel heute nicht vom Schampus, derlei tränke sie nicht mehr, sondern, indem sie nippt: "Irre. Verglichen mit dem, was wir ausschenken" (wobei sie düster an Pilsener und Weißbier denken mag). Und hart fügt sie hinzu, sie habe jedoch all die schönen Kleider aus Paris, Zürich, Mailand "in Müllsäcke gestopft und ab".

Walsers Stück ist sehr von gestern.

Nun könnte jemand einwenden, bisher seien ‚ nur alberne Nebensächlichkeiten erwähnt worden, und dem wäre leider zu entgegnen, darin genau erschöpfe sich der Text. Im Wörterplänkeln, im Zerreden von Zeit und Raum und Tat, in Bemerkungen zum Stand der Rechtspflege, der Literatur (und ihres "Betriebs"), des Bierkonsums, des deutschen Liedes, des Geschlechts- wie des Geschäftsverkehrs (was oft das gleiche zu sein scheint), zur Situation des Geldes und der Triebe (mal so, mal so – wer hätte auch anderes vermutet?). Das ernstlich Verblüffende ist, daß dabei bloß Sätze fallen, einer um den anderen, grammatikalisch einwandfrei, doch ohne den Anspruch, Bonmots oder Apercus zu sein, von Aphorismen, gar Wortgefechten ganz zu schweigen. Es sagt dieser was, es sagt jener was, dann wieder der und nochmals jener, darüber wird es schließlich zehn Uhr nachts, und man geht heim. Und keine Fragen offen.

Also gut, die Handlung: trübe Stimmung in der Arbeitslosenkneipe, trübselig beschwingte im Salon des Unternehmers. Er hat heiteren Sinnes Pleite gemacht und finanziert gerade vom geretteten Geld eine Dichterlesung bei sich zu Hause sowie Schampus. Währenddessen offeriert man fernab in der Kneipe dem entlassenen Karl ganzjährig Freibier, falls er seinem Unternehmer eine schmiert. Gesagt, getan, doch trifft dieser Dilettant den Dichter, der darob über sein Honorar stürzt (es liegt als Goldklumpen in einer Truhe) und im Rollstuhl wiedererwacht. Beim Prozeßtermin sehen wir uns wieder; der Dichter, vom Leid zum Menschen geläutert, schüttelt seinem Ohrfeiger die schwielige Hand, doch der, um sein Freibier geprellt, ohrfeigt nun endlich den Unternehmer und führt somit das Happy-End herbei.