"Die Frankfurter Schule": Rolf Wiggershaus’ eindrucksvolle Darstellung

Von Martin Lüdke

Der alte Georg Wilhelm Friedrich Hegel, in einem Berliner Salon zu offenbar schon vorgerückter Stunde von der Gastgeberin befragt, ob er denn glaube, mit seiner Philosophie einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken zu können, meinte trocken: das sei auch nicht ihre Aufgabe.

Achthundert Seiten Philosophiegeschichte. Eine ungewöhnlich ausführliche Darstellung der "Frankfurter Schule": Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung und, immer wieder durchschimmernd, persönlicher Hintergrund jener großen Gestalten der Kultur- und Geistesgeschichte dieses Jahrhunderts, die miteinander und nebeneinander, teils auch gegeneinander eine kritische Theorie der Gesellschaft entwickelt haben. Ein stolzer, ja schon skandalöser Preis von 128,– Mark für dieses Buch. Rolf Wiggershaus, der Autor, hat sechs Jahre daran geschrieben. Nicht, um irgendeinen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken, eher, um die schlafenden Geister, uns alle, aufzuwecken.

Dieses Buch ist, trotz sichtbarer Mängel, eine hervorragende Studie geworden: ein Lehrbuch der Kritischen Theorie, eine Art, wie der Autor sagt, dokumentarisches Wissenschaftsepos. Dieses Buch ist aber vor allem ein ganz aktueller Beitrag – zu längst fälligen Diskussionen. Waldsterben und saurer Regen, Tschernobyl und der Kollaps unseres Wissenschaftssystems, die Realos unter den Grünen und der Zeitgeist unter den Yuppies haben gezeigt, wie sinnvoll es sein kann, zum Beispiel Horkheimers "Kritik der instrumentellen Vernunft" noch einmal zu lesen und die "Dialektik der Aufklärung" und Adornos "Ästhetische Theorie".

Am Anfang – war die Kiste

Die Kiste stand, fest verschlossen und sorgsam behütet, im Keller des wiederaufgebauten Instituts für Sozialforschung. Horkheimer, Pollock und Adorno hatten sie aus dem amerikanischen Exil mit zurückgebracht nach Frankfurt am Main. Die Mitarbeiter des Instituts in den fünfziger Jahren, darunter auch Jürgen Habermas und Ludwig von Friedeburg, wußten wohl: Da war noch was, sie wußten wohl auch, daß sich in dieser Kiste unter anderem ein komplettes Exemplar der Zeitschrift für Sozialforschung befand. Mehr wußten sie nicht. Die Aufsätze von Horkheimer und Löwenthal, Marcuse, Benjamin, Adorno, Pollock, Neumann, Kirchheimer und anderen blieben auch ihnen verschlossen. Habermas erinnerte sich später einmal: "Horkheimer hatte große Angst, daß wir an die Kiste gehen."