Die arktische Rekordfahrt des Forschungseisbrechers „Polarstern“

Von Peer Schmidt-Walther

Spitzbergen im Hochsommer. Bei fünf Grad „Wärme“ landen wir in Lonyearbyen. Wir, das sind ein paar Nordlandtouristen, Bergleute aus Norwegen, Wissenschaftler und Journalisten. Forscher und Schreiber streben zum Hafen, wo die „Polarstern“ vor Anker liegt, das vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven betriebene eisbrechende Forschungsschiff: für 270 Millionen Mark gebündelte Elektronik, Maschinenkraft (20 000 PS) und Sicherheit (5 cm – Stahlhaut). Als ehemaligen Seemann zieht es mich nach dem ersten Umsehen auf die Brücke.

Brücke? Eher der Leitstand eines Raketenbahnhofs: Computer- und Regeltechnik neuester Provenienz. Von Seefahrtsromantik kaum noch eine Spur. Der Funker lädt mich zum Begrüßungsschluck ein und demonstriert die „wohl modernste Schiffsfunkanlage der Welt“. Dann geht’s noch höher hinaus ins Krähennest, der Eisausguckstation, 30 Meter über dem Oberdeck im Dreibeinmast mit Funk- und Radarantennen, Meßgeräten und Satellitenempfangsanlage. Was hier an Wetterdaten aufgefangen wird, verwandelt ein Rechner unten in der meteorologischen Zentrale automatisch zu stets aktuellen Wetterkarten des Nordpolargebiets. So lassen sich Termine und Kurs für optimale Beobachtungen auf die Wetterlage abstimmen. Die Nahaufklärung übernehmen die beiden Bordhubschrauber, die per Radar die „Polarstern“ durch Treib-, Pack- und Festeis lotsen.

Ein Bier im „Zillertal“

Wo bleibt denn bei so viel Technik und Absicherung das Abenteuer? frage ich mich mit leisem Bedauern, als ich nach dem Auslaufen des Super-Schiffes gemütlich im geheizten Pool meine Runden drehe und mich auf ein Bier im „Zillertal“ freue, wie man einen Raum der rustikalen Mannschaftsmesse getauft hat. Plötzlich entsteht leichter Seegang im Becken, das Planschen wird zum Wellenbad, von draußen hört man Rumpeln, erst in gewissen Abständen, dann häufiger. Als ich kurz darauf an Deck stehe, ist die See mit Eisschollen übersät, wir haben die Treibeisgrenze passiert, und obwohl die „Polarstern“ ihre Fahrt drosselt, erschüttern die Kollisionen den Koloß. Die Schollen drängen sich allmählich zu Feldern zusammen, ballen sich zu Packeis. Der weit ausladende Löffelbug des Schiffes schiebt sich sanft auf das Eis, die „Polarstern“ schwankt wie in schwerer See, nur ruckartiger, Spalten reißen in die bis zu zwei Meter dicken Eisfelder und bersten unter der Last der 16 000 Tonnen Stahl.

Das schabt und kratzt, als schnitten die Schollen durch die Wandungen. Schwitzt man dazu noch bei 100 Grad Celsius in der Sauna, berührt einen der Kontrast besonders. Das kracht explosionsartig, wenn ganze Barrieren zerbrechen, Wasser- und Eisfontänen in die Luft schießen. An Schlafen ist kaum zu denken. Das Getöse schwillt mit wachsender Eisdicke zu Gewitterstärke an, so daß auch Ohropax nichts nützt. Das Schiff zittert, schüttelt, rumpelt, ruckt, schaukelt, obwohl es durch eine unbewegte, starre Fläche Schiff