Panne oder Planung? Offenbar sind auch Kohls Hintersassen nicht eben glücklich über den jüngsten Brown-out ihres, unseres Kanzlers. Die DDR halte politische Gefangene auch in KZs – die Art, in der Heiner Geißler und andere Unionspolitiker diesen Ausfall durch advokatorische Auslegungskünste zu entschärfen versuchen, spiegelt jedenfalls mehr Verlegenheit als Assurance. Wieder einmal, wie schon beim Bitburg-Besuch und beim Gorbatschow-Goebbels-Vergleich, hat der Kanzler sich in der Geschichte vergriffen, mißrät ihm das Zitat der jüngsten deutschen Vergangenheit.

Die Gegenwart in der DDR bietet wahrlich reichlich Grund zur Kritik. Ein Staat, der seine Bürger einzäunen und mit der Waffe am Abschied hindern muß, stellt sich selbst das schärfste Armutszeugnis aus; und daß die DDR Bürger aus politischen Gründen gefangen hält, läßt sich an der Bonner Freikauf-Praxis immer noch am besten ablesen. Wie weit sich der Regierungschef an der öffentlichen Kritik solcher Zustände beteiligen soll, bleibt eine Ermessensfrage für jeden, der – zum Wohle der Menschen hier wie dort – mit der DDR im politischen Geschäft bleiben will und muß. Doch die Erinnerung an die KZs, an die Vernichtungsmaschinerie Hitlers, das paßt nicht einmal zu Bautzen. Auschwitz und Treblinka entziehen sich vorerst – und hoffentlich auf Ewigkeiten – jedem Vergleich, zumal aus deutschem Munde.

Also: Panne oder Planung? Wahlkampfgerede an die rechte Klientel – das gereicht nicht zur Entlastung, selbst dann nicht, wenn damit angeblich eine pragmatische Ostpolitik gegen „Stahlhelm“ Mosereien imprägniert werden soll. Es gibt eine Art der verwerflichen Rhetorik, die ihre Realität (und ihre politischen Kosten) nach sich zieht, die also nach dem Wahltag keineswegs spurenlos verdunstet. Der Boden für eine vernünftige Deutschland- und Ostpolitik wird nach und nach verdorben, ganz abgesehen davon, daß weder Moskau noch Ost-Berlin diese Fehltritte nonchalant übergehen werden. Ein bloßer Ausrutscher – auch darauf kann Kohl sich, nach seiner langen Serie von historisierenden Fehlleistungen, nicht mehr hinausreden lassen.

In Wirklichkeit macht sich in derlei Vergleichen ein merkwürdiger psychologischer Mechanismus geltend. Ist es nicht bezeichnend, daß ausgerechnet ein Politiker, der so betont die Last der jüngsten Vergangenheit abstreifen möchte, eben diese – fast einem Selbstbeschmutzungszwang folgend – immer wieder in Erinnerung ruft, indem er sie durch verpatzte Parallelen anderen anzuhängen versucht? Strauß will die Deutschen aus dem Schatten der Vergangenheit befreien. Aber wer anders als er und Kohl sowie die Schar der Geschichtsrevisionisten stoßen sie immer wieder ins Zwielicht zurück? R.L.