Gewiß hätte ich dieses nichtssagend aufgemachte Buch kaum wahrgenommen, wenn eine Buchhändlerin es mir nicht sozusagen auf die Seele gebunden hätte, weil sie mein Faible für Charles Bukowski kennt, John Fante: „Es war ein merkwürdiges Jahr.“ Bukowski vor allem war es, der den völlig vergessenen John Fante wiederentdeckte und bewundernd äußerte: „Hier endlich war ein Mann, der keine Angst vor Emotionen hatte. Mit überwältigender Schlichtheit vermischen sich Humor und Schmerz.“ Und David Thompson schrieb über ihn: „John Fante hat keinen einzigen Satz geschrieben, den du nicht singen könntest.“

Woran es lag, daß John Fante so viele Jahre unbeachtet blieb? Es gibt eine Mutmaßung: Er fand keine Lobby in einem der großen Ostküsten-Verlage. Seine Romane „Wait until Spring, Bandini“, „Ask the Dust“ und „Dago Red“ blieben Insider-Tips. So verdiente sich Fante, 1909 in Colorado geboren, als Drehbuchautor in Hollywood sein Geld. Seit 1955 war er zuckerkrank, 1978 erblindete er, doch „berstend vor Lebensfreude“ diktierte er seiner Frau seine letzten Romane. Im Mai 1983 starb er. Und nun – dieses bittere Muster ist ja bekannt – zählt man ihn plötzlich zu den großen West-Coast-Schriftstellern wie Mailer, Fitzgerald und Chandler.

Der Roman „Es war ein merkwürdiges Jahr“ (der im Original treffender „1933 was a bad Year“ heißt) hat einen Ich-Erzähler: Dominic Molise. Und dieser Dom enthüllt dem Leser gleich zu Beginn des Buches die Traurigkeit seiner Situation. „Da stand ich nun in Roper, Colorado, und wurde in jeder Minute ein wenig älter. In sechs Monaten würde ich achtzehn werden und aus der Schule kommen. Ich war 163 Zentimeter groß und in den letzten drei Jahren keinen Zentimeter gewachsen. Ich hatte Säbelbeine, lief über den großen Onkel, und meine Ohren standen ab wie die von Pinocchio. Meine Zähne standen schief, und mein Gesicht war gesprenkelt wie ein Vogelei. Ich war der Sohn eines Maurers, der seit fünf Monaten keine Arbeit mehr hatte. Ich besaß keinen Mantel und trug drei Pullover übereinander. Meine Mutter hätte schon angefangen, Novenen zu beten für den Anzug, den ich zur Abschlußprüfung im Juni haben mußte.“

Scheinbar schroff, in Wirklichkeit aber voll Zuneigung erzählt Dom von seiner Familie. Da ist der unruhige Vater, trotz der demütigenden Armut voll Eleganz, der sich für einen Billard-Star hält und heimlich den Frauen nachsteigt. Da ist die bigotte Mutter, die sich in nächtliche Dauergebete flüchtet und Lust aus ihrem Leid zu saugen scheint. Clara und Frederick, die Geschwister, haben sich in ihr Eigenleben eingesponnen, und Oma Bettine ist böse vor lauter Heimweh nach Italien. In der Tat: eigentlich ein schlechtes Jahr, für Dom Molise.

Wenn da nicht der wunderbare linke Arm wäre! Den reibt Dom unentwegt mit Sloan’s Liniment ein, auch wenn es noch so arg stinkt, denn diesen „gesegneten, geheiligten Arm“ muß er geschmeidig halten. Dom ist nämlich Pitcher des Baseball-Teams, der beste Linkshandwerfer weit und breit, und er dankt seinem Gott, daß der ihm „dieses Geschoß“ an die Schulter heftete. („Denn in jenen Tagen war ich fromm und redete offen mit meinem Gott.“) Und so träumt Dom den starken Traum von einer Profikarriere bei einer der berühmten Mannschaften.

Klar, dazu muß er raus aus diesem Nest am Osthang der Rocky Mountains. Ken, der Freund aus dem Reiche-Leute-Milieu, mit dem Dom sich dauernd streitet und wieder verträgt, bestärkt ihn in dem Plan, sich abzusetzen in die Großstadt und sich einer der bekannten Baseball-Truppen als Pitcher anzudienen. Es ist zum Lachen und Heulen zugleich, wenn Dom sich mit dem Gedanken quält, die Familie zu verlassen.

Eine Schlüsselszene beweist die Liebe von Vater Molise zu seinem Sohn Dominic. Dom klaut den Zementmischer, um ihn zu verkaufen und mit dem Erlös die Reise zu finanzieren. Doch reumütig bringt er die Maschine zurück, als er begreift, daß der Vater ohne das Gerät arbeitsunfähig sein würde. Das Verrückte: jetzt verkauft der Vater die Maschine, um seinem Sohn die Abreise in eine ungewisse Zukunft zu ermöglichen, obwohl er von Doms Plänen nichts hält. Die Erzählung schließt so: „Ich weinte um meinen Vater und um alle Väter und auch um die Söhne, um die Zeit, in der ich lebte, um mich selbst, weil ich jetzt nach Kalifornien fahren mußte. Ich hatte keine Wahl, ich mußte es schaffen.“