Man kann in Deutschland sehr reich, sehr ungebildet, zu keinerlei Opfer für irgend einen Kulturzweck bereit sein, ohne der Verachtung anheimzufallen", schrieb Alfred Lichtwark in seinem Aufsatz "Der Deutsche der Zukunft". Und: "Unserer Bildung fehlt heute noch die feste nationale Grundlage." Zwei Aussagen, die den "Lehrer der Nation" charakterisieren, zwei Ziele, die ihn sein Leben lang beschäftigten, zwei Programme, die Offenheit und Enge im Werk Lichtwarks ausmachen.

Kunst war für ihn nicht Selbstzweck, sie war auch Mittel zu einem bewußteren Leben, Erziehung zu mehr Geschmack in der Kleidung und bei der Wohnungseinrichtung, im ganzen Gehabe: "Ein anmutiger Deutscher, der Ausdruck wirkt heute fast komisch." Das wollte Lichtwark ändern.

Als erster Direktor der Hamburger Kunsthalle öffnete Lichtwark im Dezember 1886 dem Publikum die Tore zum neuen Museum. Genau hundert Jahre später erinnert man sich in Hamburg an diesen ungewöhnlich regen Mann, den Reformer deutscher Kunstgeschichte und Initiator der Jahrhundertausstellung 1906 in Berlin: eine Ausstellung, die unser Bild von der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts entscheidend revidierte.

Alfred Lichtwark wurde als Sohn des Müllers 1852 in Reitbrook bei Hamburg geboren. Der Familie ging es schlecht, die Mühle mußte verkauft werden, man zog in das Armenviertel von St. Pauli. Nach Abschluß der Schule wurde Lichtwark mit fünfzehn Jahren Lehrergehilfe, drei Jahre später Lehrer. Jetzt ernährte er die Familie. Lernbegierde trieb ihn 1877 ins Museum für Kunst und Gewerbe, wo er sich die Vorträge von Justus Brinkmann anhörte. Dieser riet ihm zum Studium in Leipzig. Ein Stipendium ermöglichte den Absprung. Schon nach einem Jahr ging Lichtwark von Leipzig nach Berlin und wurde Assistent am Kunstgewerbe-Museum. 1885 promovierte er bei Anton Springer, und schon im Jahr darauf wurde er Direktor der Hamburger Kunsthalle.

Von der Kunsthalle ausgehend versuchte er das kulturelle Leben der Stadt zu prägen. Mittel dazu waren ihm Vereine wie die "Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde", die "Hamburgische Gesellschaft zur Förderung der Gartenpflege" oder Schriften, die er zu den verschiedensten kulturellen oder aktuellen Themen schrieb und herausgab. Mit seinen zahllosen Briefen, die er an Freunde und Kollegen schrieb, mit denen er die "Kommission für Verwaltung der Kunsthalle" regelrecht überschüttete, führte er sein Aufklärungs- und Erziehungswerk fort.

In seinen mittleren Jahren war er ein glühender Verfechter der neuen Kunst. Gegen alles Vorurteil warb er für Künstler wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Klinger, später die französischen Impressionisten. Jahrzehnte zog sich Lichtwark mit seiner "Schreckenskammer", der Sammlung lebender Künstler, die gereizte Empörung braver Hamburger Bürger zu. Und doch gelang es ihm, seine Kommission langsam von Liebermanns Kunst zu überzeugen, 1897 sogar das erste Bild eines französischen Impressionisten, Monets "Birnen und Trauben" (1880) ins Haus zu holen.

Eine Grundidee leitete Lichtwarks Sammeltrieb: er wollte deutsche Kunst zeigen, und er wollte hamburgische Kunst befördern. Es gelang ihm, den berühmten gotischen Wandelaltar, den Meister Bertram für die Hamburger Petrikirche (1383 war er dort aufgestellt worden) geschaffen hatte, in die Kunsthalle zu bringen, und er war es auch, der den Buxtehuder und Harvestehuder Altar als zwei Werke dieses Meisters erkannte. Ähnlich wie mit Meister Bertram verfuhr Lichtwark mit Philipp Otto Runge. In diesem Hamburger Maler sah er den Wegbereiter der modernen deutschen Kunst. Einem Kriminalisten gleich fahndete er nach seinen wenigen Bildern und setzte alles daran, sie in den Besitz der Kunsthalle zu holen – was ihm auch gelang. Auch den vergessenen Caspar David Friedrich entdeckte Lichtwark wieder als einen der größten modernen Künstler und trug eine der umfangreichsten Friedrich-Sammlungen zusammen.