Düsseldorf: „Im Lichte des Nordens“

Daß die Ausstellung auf ihrer ersten Station in London „Dreams of a Summer Night“ hieß, mag auch am Glauben der britischen Veranstalter an die Verführungskraft der eigenen National-Komödie gelegen haben. Daß sie jetzt im Kunstmuseum Düsseldorf vom Titel her in ein eher objektiviertes „Licht des Nordens“ gerückt ist, bringt dem Betrachter nun weniger sinnlich-burleske Assoziationen als die Vorstellung von blauen Sommernächten als einem weiten Fond für große Gefühle, von skandinavischer Klarheit andererseits und einem Teil Europas, dessen Kunst wir gemeinhin nur an der Malerei des Norwegers Edvard Munch exemplifiziert sehen. Das ist richtig und trifft die Sache doch nicht. Die vom Nordischen Ministerrat und vom Düsseldorfer Kunstmuseum am Ehrenhof inszenierte Schau (unter der Schirmherrschaft diverser Könige und Staatspräsidenten, von einem Arbeitskomitee von nicht weniger als 13 Personen erstellt und von Volvo finanziert) führt mit 112 zumeist in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstandenen Gemälden von 38 Künstlerinnen und Künstlern ein in die spezifisch nördliche Variante eines Zeitstils: die Wende vom Realismus zum äußersten Subjektivismus, die im Symbolismus französischer Prägung ihren Ursprung hatte. „Das Innere malen“, so nannte es Strindberg (der selber als bildender Künstler tätig war). Das brachte eine skandinavische Kunstform hervor, die auf die psychische Durchdringung von Mensch und Natur setzte. (Als die andere Seite, die von Besuchern besonders gern gesehene, erscheint die Verwandlung von Jugendstil in heute noch populäres, volkstümliches Vergnügen – des Schweden Carl Larssons Aquarelle, Schilderungen seines „Hauses an der Sonne“, sind immer noch muntere Klassiker im nordischen Licht, voll Luft und Sommer und Kamillenblüten.) Auf dem Umweg über Frankreich und Paris, auf dem Weg über Gauguin und Puvis de Chavannes, entwickelten Künstler und erstaunlich viele Künstlerinnen im Norden Europas eine durchaus nuancenreiche, aber doch in ihrer Schwermut und in ihrem Mystizismus miteinander verwandte bildnerische Sprache – die der blauen Stunden und der pathetischen Sommernachtsklänge, der nationalromantischen Neigungen zu Fels und Meer und zur schweigenden Schönheit der Sommerhäuser aus Holz am Sund. Was im blau verdämmernden Licht des Nordens unter Menschen sich ereignen konnte, wissen wir von Ibsen und Strindberg; in der Malerei ist es Edvard Munch, dessen „Seelen-Präparate“ die Nachtseiten der Realität bloßlegten. Zielte der Däne Hammershoi auf die Einsamkeit stiller Menschen in noch stilleren Räumen und Architekturen, so stellte sich der Finne Gallen-Kallela mit seinen magisch-folkoristischen Sinnbildern zum Beispiel aus dem Nationalepos Kallevalla in den Dienst einer Volksbewegung. Denn in der Zeit der Jahrhundertwende, einer Epoche allgemein aufstrebenden Nationalbewußtseins in Europa, war Finnland – noch russisches Großherzogtum und zuvor lange unter schwedischer Herrschaft – auch in der Kunst auf der Suche nach nationaler Identität. Die Dänen dagegen galten als Vermittler neuer, aus Deutschland und Frankreich kommender künstlerischer Ideen. Sie besaßen überdies eine kraftvolle Kunsttradition: Ihr „goldenes Zeitalter“ lag in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und nicht wenige dänische Exponate in Düsseldorf erinnern an dieses in sich versunkene, anmutige dänische Biedermeier. Die Düsseldorfer Schau ist – wen kann es wundern angesichts all der Komiteemitglieder – eine wackere Proporzausstellung, ordentlich ausgezählt, wohl nicht immer der Bedeutung gemäß in Portionen geteilt. Zu einer großen Linie skandinavischer Wahlverwandtschaft vereint sich alles erst im lesenswerten Katalog. (Kunstmuseum bis zum 1. Februar, Katalog 30,– DM) Ursula Bode

Wichtige Ausstellungen

Düsseldorf: „SkulpturSein“ (Städtische Kunsthalle bis 1. 2., Katalog 40 DM)

Hamburg: „James Ensor“ (Kunstverein bis 8.2., Katalog 34 DM)

Hannover: „Picasso im Sprengel Museum“ (Sprengel Museum bis 15. 3., Katalog 42 DM)

Köln: „Nofret – Die Schöne. Die Frau im alten Ägypten“ (Kunsthalle bis 8. 3., Katalog 23 DM)