Es war der Fernsehskandal des Jahres – und das fast am Ende desselbigen. Wir erwarten nun, daß sich der Sender bei Bundesbürger und Bundesregierung in gebührender Form entschuldigt; und wir verlangen, daß die für den Skandal Verantwortlichen schonungslos zur Rechenschaft gezogen werden.

Es passierte am 29. Dezember, exakt um 22.15 Uhr. Der Fernsehsender RTL plus brachte das unsterbliche Miniaturdrama „Dinner for One“ – aber (unfaßbar!) nicht in der unsterblichen Originalversion mit May Warden und Freddie Frinton, sondern in einer neuen (!), deutschen (!!) Fassung, und das auch noch in Farbe (!!!). Wenn es überhaupt noch eines Beweises für die kulturvernichtenden Folgen des Kommerzfernsehens bedurft hätte – das ist er gewesen. Denn die Herren von RTL plus begriffen nicht, daß man das Unsterbliche nicht verbessern kann. Dem schalen Vergnügen einer „Neuerung“ opferten sie das tiefe Glück jedes Kulturmenschen: das Glück der Wiederholung. Auch wenn wir selbstverständlich jederzeit für die Freiheit der Kunst und der Presse eintreten, müssen wir ohne Wenn und Aber feststellen: Dieses deutsche „Dinner for One“ hätte niemals gesendet werden dürfen

Erst zwei Tage später, Silvester, hatten wir den Skandal halbwegs verkraftet. Am Nachmittag sahen wir (noch einmal!) das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, noch einmal den Zauberzwerg Maradona. Dann sahen wir (wieder einmal, zum dreiundzwanzigsten Mal) „Dinner for One“, diesmal (gelobt seien die Dritten Programme) in der einzig möglichen Fassung. Wie wir nun hören, hat es auch später, nach der „Tagesschau“, noch sehr gute Wiederholungen am Silvesterabend gegeben. Aber da hatte d. Verf. schon die verdiente Nachtruhe angetreten.

Wir kommen zum philosophischen Kern der Affäre. Der Mensch ersehnt sich furchtsam das Neue, doch wahrhaft liebt er nur das Alte. Die Wiederholung. Das hat nicht nur mit seinen sentimentalen Neigungen zu tun. Eine wirklich komische Szene zum Beispiel gewinnt mit jeder Wiederholung. Beim ersten Mal wird der Zuschauer oft überrumpelt, lacht nur, weil auch andere lachen. Doch mit jeder neuen Wiederholung wird er mehr zum Experten: Seine erregte Vorfreude und seine souveräne Kennerschaft schmälern das Vergnügen nicht, sondern heizen es erst richtig an.

Man lacht schon, weil man weiß, daß man gleich wieder lachen wird (oder schluckt, weil man gleich wieder weinen wird).

Gewiß sind die Künste eine Wunderwelt der Neuentdeckungen. Aber mindestens ebensosehr sind sie ein Paradies der Wiederholungen – ganz gleich, ob man an Mondrians Rechtecke denkt, an Becketts Schweigemusiken oder an Thomas Bernhards Wortvulkane. Das Neue macht uns nur neugierig, die Wiederholung aber süchtig.

Das Beste am Fußball sind längst die Reprisen. Alle Tore in Zeitlupe! In unserem Geistesleben geht es derzeit genauso: alles Gedachte noch einmal denken, diesmal aber ganz langsam. So können wir denn endlich alle Gießener Professoren und alle Hamburger Chefredakteure aus ihrem Grübeln reißen, indem wir ihnen mit einem einzigen Wort erklären, was die ominösen Phänomene „Zeitgeist“ und „Postmoderne“ wirklich sind: Wiederholungen. Daher der überwältigende Erfolg!