Unser Planet ist eine sinkende Arche Noah. Fauna und Flora gehen systematisch an der kurzsichtig brutalen Plünderung durch den Menschen kaputt. Man muß kein Katastrophenphilosoph mit apokalyptischem Temperament sein, um das zu erkennen. In der Mehrzahl von Sachbüchern für Kinder werden Fakten über den Artentod und düstere Zukunftsprognosen sorgfältig ausgespart. Die Generation der Erwachsenen will sich vor den Enkeln nicht zur Verantwortung bekennen, wenn etwa im Jahre 2000 ein Fünftel aller Tier- und Pflanzenarten ausgerottet sein wird, die es heute noch gibt. In Kindersachbüchern, die vorzugsweise von vergnügt quiekenden Schweinen, niedlichen Fohlen, hübschen Schnecklein und possierlichen Hamstern erzählen, spiegelt sich diese Verdrängung ökologischer Katastrophen wider.

Im Kontrast zu diesem harmlos fröhlichen Klischee: das Photosachbuch vom Großen Panda. Alle Peinlichkeiten einer krampfigen Verkindlichung des Themas bleiben dem Leser erspart. In sensationell schönen Photos der chinesischen Photographin Jin Xuqi (begleitet von einem gescheiten Text) erfahren wir etwas vom Leben und Bedrohtsein des schwarzweißen Bären, dem einzigen Vegetarier unter den Raubtieren. Ein einzelgängerischer Bambusfresser, der viel und leidenschaftlich Wasser trinkt, durchschnittlich vierzehn Stunden für seine Nahrungsbeschaffung braucht, exzellent klettert, 240 Pfund schwer und einen Meter achtzig groß werden kann. Pandas leben in den nebelfeuchten Bergwäldern Chinas. Der Mensch hat den Lebensraum dieses Raubtieres weitgehend vernichtet, so daß dieses liebenswerte, schöne Geschöpf vom Aussterben bedroht ist. Für die Chinesen ist der Große Panda inzwischen eine Art Nationalheiligtum geworden, und sie unternehmen ungewöhnliche Anstrengungen, um diesen Einzelgänger vor dem Artentod zu retten. Auch diese Arbeit beschreibt das Buch. Die Informationen lesen sich aufregend und anrührend; schon sechsjährigen Kindern geben Text und Bilder einen ersten Begriff vom komplizierten Zusammenspiel zwischen menschlichen Eingriffen und ökologischen Konsequenzen. Sie beginnen zu ahnen, daß Realität ein vernetztes System ist, daß menschliche Manipulationen nie ohne schwerwiegende Folgen für Vegetation und Tiere bleiben.

Als Kuschel-, Streichel- und Plüschfetisch haben die Pandas einen regelrechten Boom, während sich die Lebensgrundlagen der tatsächlich noch vorhandenen Bären dramatisch verschlechtern. Nur mit unendlichen Mühen und detaillierten Kenntnissen über Bedürfnisse und Gewohnheiten der Pandas hat China in zwölf Panda-Schutzgebieten für die verbliebenen fünfhundert Pandas in Freiheit Überlebensbedingungen zu schaffen versucht. In Auffanglagern mit speziell ausgebildeten Leuten päppeln chinesische Naturschützer halb verhungerte Pandas, die nach der Bambusblüte keine Nahrung mehr finden, wieder hoch. Unendlich behutsam versucht man in chinesischen Zoos die hochempfindlichen Säugetiere mit den schwarzen Kulleraugen zu züchten.

Jin Xuqi zeigt in wunderschönen Photos die Kinderstube von Ron-Shun und seiner Mutter Mei-Mei im Tiergarten von Chengdu: zärtliche Bilder, Mutter und Sohn beim Spielen, Umarmen, Klettern, Naseputzen. Ein Kindersachbuch, das Kenntnisse, Engagement und unverkitschte Liebe zu Tieren mit jedem Satz, jedem Photo dokumentiert: ein rundheraus ideales Sachbuch für Kinder (und Erwachsene). Ute Blaich

• Jin Xuqi und Markus Kappeler:

„Der Große Panda, Bedrohtes Leben im Bambuswald“; Kinderbuchverlag, Luzern; 48 S., 24,80 DM

wurde unter folgenden Titeln ausgewählt: Jin Xuqi und Markus Kappeler: „Der Große Panda, Bedrohtes Leben im Bambuswald“, Kinderbuchverlag, Luzern,