Auftakt zum 750. Geburtstag: Musik ohne Statusfragen

Von Marlies Menge

Auf allen Festen zu tanzen, die Berlin zu seinem 750. Geburtsjahr feiert, ist schier unmöglich. Es sind zu viele, und manche werden im West- und Ostteil der Stadt gleichzeitig zelebriert. Wenigstens das allererste Fest wollte ich da nicht versäumen: Mit einem Neujahrskonzert im Ostberliner Schauspielhaus eröffnete die DDR das Jubeljahr. Es war eine einseitige Veranstaltung. West-Berlin eröffnet erst im April.

Auf dem hellerleuchteten Platz vorm Schinkelschen Schauspielhaus standen Schaulustige. "Jetzt kommt Erich", freute sich eine junge Frau, als handele es sich um den Weihnachtsmann. Spontaner Beifall für Honecker. Er winkte zurück und rief: "Ein frohes Neues Jahr!" Die DDR hatte sich Mühe gegeben: Bläser musizierten auf den Türmen des Französischen und Deutschen Domes, die Platzanweiserinnen und Garderobieren trugen eigens für diesen Tag geschneiderte Biedermeierkostüme, dazu die passenden komplizierten Frisuren, der festliche Saal war mit großen Gestecken von Flieder, Nelken und Gerbera geschmückt.

Sieht man mal ab von der DDR-Hymne am Anfang des Konzerts und dem Herauskehren der Hauptstadtfunktion Ost-Berlins im golden gedruckten Programm, hätte dieses Konzert ebensogut in West-Berlin stattfinden können: Altgediente Weisen erklangen aus Webers "Freischütz", Nicolais "Lustigen Weibern von Windsor", Strauss’ "Rosenkavalier", Rezniceks "Donna Diana", Meyerbeers "Hugenotten", Lortzings "Zar und Zimmermann", und Peter Schreier sang Heines "Leise zieht durch mein Gemüt", von Mendelssohn-Bartholdy vertont. Beim Potpourri mit Liedern von Kollo und Linke hätte jeder Berliner, gleich ob aus Ost oder West, mitschmettern können: "Unter’n Linden, unter’n Linden...", "Denkste denn, du Berliner Pflanze", "Berlin bleibt doch Berlin". Bei der "Berliner Luft, Luft, Luft" klatschte selbst der Saarländer Honecker mit:

Überhaupt schien er gut gelaunt zu sein, flankiert von dem mit der Amtskette geschmückten Oberbürgermeister Krack auf der einen Seite, auf der anderen Seite Ehefrau Margot, mit der er sich zwischen den einzelnen Musikstücken lächelnd unterhielt, gar nicht so, als lebe er eigentlich von ihr getrennt, wie in der DDR gemunkelt wird – Gerüchte, wie sie vermutlich entstehen, weil so gar nichts vom Privatleben der Regierenden an die Öffentlichkeit dringt.

Der Staatsratsvorsitzende hatte Grund zu guter Laune. Die Botschafter der drei westlichen Alliierten und Bonns Ständiger Vertreter zierten Ostberlins Eröffnungskonzert. Man wußte ja: Die Franzosen wollten erst nicht kommen, Genscher redete ihnen zu, schließlich sprach der amerikanische Botschafter in Bonn, Burt, ein Machtwort, und dann durfte auch unser Ständiger Vertreter Hans Otto Bräutigam die Einladung annehmen. Durch das Konzert seien keine Statusfragen berührt, hieß es. Also war der Konzertbesuch der vier auch keine Entscheidungshilfe für den Westberliner Regierenden Bürgermeister; Westberliner Zeitungen spekulieren täglich, ob Diepgen nun zum 750-Jahrfeier-Staatsakt nach Ost-Berlin fahren wird oder lieber nicht.

Bei den Männern im Parkett und auf den Rängen herrschte das SED-Parteiabzeichen am dunklen Anzug vor, die Frauen trugen festliche Kleider. In der Staatsopern-Kapelle, an diesem Abend von vier verschiedenen Dirigenten geleitet, spielten nur Männer. Selbst an der Harfe saß ein Mann. In der Pause lud das Politbüro das Diplomatische Korps zu einem Empfang. Das Fußvolk stellte sich in die Schlange am Buffet, wo der Carl-Friedrich-Schinkel-Sekt acht Mark kostete, der SU(Sowjetunion)-Sekt nur 6,95 Mark. Ein Schinkenbrot gab es für sechzig und ein Stück Pflaumenkuchen für fünfundfünfzig Pfennige; eine Apfelsine kostete 2,40 und eine Banane 2,45 Mark, der heimische Apfel dagegen nur siebzig Pfennige. Wer das Konzert im DDR-Fernsehen verfolgte, sah während der Pause in der Nachrichtensendung, wie DDR-Minister ihre jeweiligen Betriebe bei der Frühschicht besuchten: Chemieminister Wyschofski das Petrochemische Kombinat Schwedt, das einen "Planvorsprung von drei Tagen" meldete, oder Energieminister Mitzinger, der im Braunkohletagebau Nochten auf seine Frage an einen Arbeiter: "Wie geht es denn weiter?" die Antwort bekam: "Na, wie immer. Es geht wie immer." DDR bleibt eben doch DDR.