Von Raimund Kaufmann

Als Wissenschaftlern, Politikern und Industriellen weht uns gerade in diesen Tagen ein aggressiver Wind von Technik-Feindlichkeit ins Gesicht. Von diesem Zeitgeist ist auch die moderne Medizin nicht verschont geblieben. Ganz im Gegenteil!

Technikfeindlichkeit in der Medizin hat heute sehr konkrete Folgen. Die immer stärker werdende Hinwendung zu „sanften“ alternativen Heil-(ungs)angeboten, zu Natur-, Geist- und Fernheilern ist eine davon. Doch auch innerhalb der Schulmedizin wird der Ruf nach Enttechnisierung immer lauter. Da tauchen paradigmatische Begriffspaarungen auf wie „Ganzheitsmedizin statt organ-orientiertem Reparaturbetrieb“ oder „sozial-medizinische Prävention statt kurativem Defektausgleich“. Dies alles ist in seinen psychologischen und gesellschaftlichen Wurzeln verständlich und hinsichtlich der Zielsetzungen zumindest in den Ansätzen gutzuheißen.

Bedenklich stimmen muß jedoch die zuweilen glaubenskriegähnliche Form der Auseinandersetzung: „Zerreißprobe der modernen Medizin“, „der Arzt zwischen Technik und menschlicher Verantwortung“ oder „der Arzt zwischen Technik und Humanität“, so lauten Buchtitel und Zeitungsüberschriften prominenter Autoren wie Helmut Thielicke oder Dietrich Rössler.

Humanität und Technik sind ebensowenig dualistische Wertprinzipien im Sinne von Gut und Böse wie das Begriffspaar „Natur und Technik“. Solche undifferenzierten Wertzuweisungen werden auch nicht dadurch wahrer, daß man ein ganzes Parteiprogramm auf solche Maximen gründet.

Die Zeit liegt noch nicht lange zurück, da neue wissenschaftliche Entdeckungen allgemein anerkannt wurden und darauf aufbauender technischer Fortschritt, speziell in der Medizin, eine weite und zum Teil euphorische Akzeptanz in der Gesellschaft fanden, denken wir nur an die Pioniertaten der Luftfahrt oder die Triumphe der Medizin bei der Ausrottung der großen Seuchen. Warum wird heute abgelehnt, was in Dimension und Wirkung solchem vergleichbar ist? Warum ist Fortschrittsgläubigkeit dem Gefühl der Bedrohung durch die Technik gewichen?

Das elementare Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit bezieht sich nicht nur auf sein persönliches Umfeld, sondern ganz allgemein auf die Welt, in der er lebt. Nun hat es zweifellos nicht allzu viele Abschnitte in der Geschichte des Abendlandes gegeben, in denen ein Mensch sich in seiner Welt geborgen fühlen konnte. Die Angst vor düsterer Bedrohung war sein ständiger Begleiter. Die Bedrohung unserer Tage hat jedoch eine völlig neue, endzeitliche Dimension angenommen. Es gibt keinen Ort mehr, wohin man fliehen, keine Burg, die Schutz bieten könnte, tradierte Werte haben sich aufgelöst und, was am schlimmsten ist, Art und Inhalte der Bedrohung, der wirklichen wie der imaginierten, entziehen sich zunehmend den rationalen Verständnismöglichkeiten des Menschen. So verbindet sich die Angst des Menschen von heute mit dem Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit. Dieses Gefühl wird dann überall dort festgemacht, wo – ganz pauschal – die Quelle des Übels vermutet wird. So geraten Wissenschaft und Technik und mit ihnen die Medizin auf die Anklagebank der Gesellschaft.