Von Johannes v. Dohnanyi

Frenetisch waren auch in Italien die letzten Stunden vor den Feiertagen. „Il cenone“ – das obligatorische Gelage am 24. Dezember im so weit wie möglich erweiterten Familien- und Freundeskreis – bereitet den Hausfrauen jedes Jahr aufs neue Kopfzerbrechen, auch wenn die Speisekarte mit fettem Aal, Lamm und weihnachtlichen Back-Kunstwerken ihre festen Regeln hat. Die ebenso freundliche wie in ihrem Ursprung wenig christliche Hexe Befana, die in der italienischen Tradition erst zu Epiphania, also am 6. Januar, die Geschenke für die Kinder brachte, hat längst die erbitterte kommerzielle Konkurrenz des Christkindes zu spüren bekommen.

Es leiden darunter vor allem die Geldbörsen der Eltern, die für das Vergnügen, in so kurzem Abstand zweimal Freude bereiten zu „dürfen“, heftig zur Kasse gebeten werden. Doch die Sorgen um das leibliche Wohl und der bedenkliche Blick auf die rasant schmelzenden Geldreserven werden aufgewogen von der Vorfreude der ganzen Familie auf die Tombola. Für die Italiener gehört es zu den feiertäglichen „must“, sich die langen Stunden des Wartens auf das nächste Essen, die Bescherung, die Mitternachtsmesse und alle sonstigen rituellen Verpflichtungen mit einem harmlosen Glücks- und Pfänderspiel im trauten Kreise zu vertreiben.

Die Tombola ist „una scappatoia“ – eine Umschleichung – der ansonsten so rigiden gesetzlichen Bestimmungen, die den Italienern jede Form von Glücksspiel verbieten, solange der Staat nicht mitverdient. Eine harmlose Partie „Scopa“ unter alten Freunden – ein Kartenspiel, das hierzulande den Skat ersetzt und erst mit kleinen Geldeinsätzen richtig vergnüglich wird – ist, in der Öffentlichkeit gespielt, ebenso strafbar wie Poker oder das Würfeln. Der Versuch des Staates, die Bürger vor möglichen bösen Folgen des Glücksspiels zu bewahren, geht soweit, daß sogar den Flipperautomaten die Freispiele gestrichen sind. Aber auch für Italien gilt, daß erst so richtig heiß macht, was verboten ist.

„Bische clandestine“ – illegale Spielhöllen werden zwischen Bozen und Palermo mit großer Regelmäßigkeit ausgehoben. Und siehe da – bei den dazugehörigen Polizeirazzien landen regelmäßig Personen und Persönlichkeiten hinter Gittern, denen man solch dunkles Treiben am allerwenigsten zugetraut hätte. Einen leibhaftigen Grafen, einen Bankpräsidenten und mehrere Industrielle traf es dieser Tage in Mailand. Die hatten, wie es sich für ihre Finanzkraft gehört, um so hohe Geldbeträge gespielt, daß den unterbezahlten Ordnungshütern die Nullenschwänze der Millionen-Lire-Beträge vor den Augen verschwammen. Die norditalienische Finanzmetropole hatte ihren Vorweihnachtsskandal. Daß angeblich schöne und sicherlich leichte Mädchen in dem eigens für die Spielbesessenen gemieteten Luxusappartement das Unerlaubte garnierten, verlieh dem Ganzen einen Hauch von Pikanterie. Daß die feinen Herren hin und wieder auch mit gefälschten Dollarnoten die Spielschulden beglichen, war jedoch längst nicht mehr als Kavaliersdelikt entschuldbar.

Wieder einmal hatte sich der Verdacht der Fahnder bestätigt, daß die unerlaubten Spielsalons häufig nur Tarnung noch kriminellerer Aktionen sind – wie schon bewiesen etwa in den „bische clandestine“ im Raum Brescia vor einigen Jahren. Die Waffenproduzenten, die sich da in den Abendstunden zum Spiel trafen, pokerten nicht nur um „Full Houses“, sondern vor allem um volle Kassen: In Wirklichkeit ging es um unerlaubte Geschäfte mit Rüstungsgütern, die an den Ausfuhrbestimmungen vorbei in die diversen Krisenherde der Welt transportiert wurden. Auch damals waren es illustre Namen der italienischen Waffen- und Finanzwelt, die die Haftbefehle der Polizei zierten. Kein Wunder, daß unter solchen Zuständen auch der „kleine Mann“ nicht von seinem Laster lassen will.

Da gibt es zum Beispiel den staatlichen Fußball-Toto. Inzwischen kontrolliert ein Computer das Verfahren, und die Gewinne sind, sagen die Italiener, nur noch mäßig. Parallel dazu gibt es die schwarzen Fußball-Wetten. Wettgemeinschaften entstehen in den Ministerien und bei der Post ebenso wie in den Kaffeebars und beim Friseur. Jeden Freitag, erzählte mir ein Freund, der bei der italienischen Zentralbank arbeitet und der sich nicht für Fußball interessiert, werde er in den letzten Bürostunden mit Arbeit überhäuft. „Dann setzen sich die Kollegen zusammen und organisieren ihre Fußball-Wetten für das Wochenende.“ Mancher Minister, so heißt es, nehme an diesen Sitzungen teil. Aber das mag auch nur ein Gerücht sein.