Von Martin Greiffenhagen

Wie kommt Gewalt in die Welt? Wo liegen die Gründe für Herrschsucht, Rachlust und Blutdurst? Volker Elis Pilgrim weiß es: Alle Männer, die eine Blutspur hinter sich lassen, „wuchsen in enger Beziehung zu ihren Müttern und hatten blasse, entweder brutale oder seelisch verschwommene, oftmals verschwindende Väter“. In seinem Buch „Muttersöhne“ durchpflügt Pilgim die Geschichte nach biographischen Belegen für seinen Verdacht, Mutterbindung sei die Quelle männlicher Gewaltherrschaft. Ob sein Buch einen wirklichen Erkenntnisgewinn bedeutet, mag man bezweifeln. Dafür ist es zu einäugig und zu sehr vom Haß diktiert. Aber die These, oder soll man eher sagen, sein Modell lohnt das Nachdenken.

Gewalt entwickelt sich in einem familialen Teufelsdrama. Seine Figuren sind Vater, Mutter und Sohn. Die vom Mann unterdrückte und auf den engen Kreis von Hauswirtschaft und Kindererziehung beschränkte Frau rächt sich für diese Zurücksetzung, indem sie ihre Söhne oder einen dafür besonders geeigneten Sohn zeitlebens in der Doppelrolle des Kindes und Partners festhält, mit einer für den Sohn schmerzlichen und für die ganze Gesellschaft fatalen Folge: Er wird kein normaler Mann und entwickelt aus diesem Minderwertigkeitserlebnis eine unstillbare Herrschlust. Die Mutter genießt über ihren gleichzeitig schwachen und brutalen Sohn eine Art indirekten Eintritts in die Männerwelt, zusammen mit der Rache an ihr.

Dem „Muttersohn“ mißlingt die Identifikation mit dem Vater, weil er ihn entweder nicht kennt (früher Tod, Abwesenheit, Vernachlässigung und Desinteresse) oder verachtet (berufliche Undichtigkeit, soziale Schwäche) oder haßt (Kaltherzigkeit, Brutalität). Das Leid daran treibt ihn an die Seite der Mutter. Aber diese Solidarität tröstet beide nur, hilft dem Sohn nicht weiter: Die Mutter liefert kein Vorbild für seine Geschlechts- und Gesellschaftsrolle. Er trägt eine doppelte Beschädigung davon: der Sexualität (in unterschiedlichen Formen) und der beruflichen und gesellschaftlichen Entwicklung (Schulabbruch, Arbeitsunlust, Berufswechsel, Bohemien-Existenz).

Was die Neigung zur Gewalt betrifft, so verweist Pilgrim auf verschiedene, stets zusammenwirkende Ursachen: Kompensation von früher als „Muttersöhnchen“ erfahrenen Hänseleien durch „Vatersöhne“; Rache für das der Mutter vom Mann angetane Leid; Realisationsversuche eines ins Maßlose übersteigerten Männlichkeitsideals.

Überzeugende Beispiele weltgeschichtlicher Muttersöhne sind Hitler und Stalin. Pilgrim widmet ihnen lange Abschnitte, und das vorgeführte Material paßt zum Modell. Schon Hitlers Vater war ein Muttersohn, von unehelicher Geburt und schlimmer Brutalität. Resultat: „Hitler dilettierte, lebte ziellos herum, lernte nichts, studierte nicht, band sich nicht in Liebesbeziehungen, wohnte in einem Männerwohnhaus..., kostümierte sich mit Männlichkeitszeichen: Schwellkörper Uniform, Versteifung rechter Arm in die Höhe, eindringendes Augenrollen, hin- und herreibende Rede, multiple Ohnmacht des Höhepunktes bei jeder Massenveranstaltung. Er selbst blieb ein Jungferich.“

Muttersöhne haben häufig eine sirenenhafte Ausstrahlung und wirken besonders auf Frauen. Auch hier paßt Hitler ins Bild. Unter den beiden wichtigsten Kriterien weltgeschichtlich wirksamer Muttersöhne, Machthunger und Rastlosigkeit, liefert Hitler den Prototyp.