Ein Dreivierteljahrtausend Berlin – der Anlaß, freudig und traurig stimmend zugleich, stößt uns abermals auf unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart. Er stößt uns erneut auf die Erkenntnis, daß die Teilung Deutschlands möglicherweise die Strafe der Geschichte dafür ist, daß sich eine ganze Generation von Deutschen in den Dienst Adolf Hitlers gestellt hat – und die Geschichte, hat Bismarck einst gesagt, ist noch genauer in ihren Strafbescheiden als die preußische Oberrechnungskammer. Aber die Teilung Berlins durch die abscheuliche Mauer? Die hat keine Oberrechnungskammer verhängt, sondern Ulbrichts Politbüro aus purer Schwäche und Verzweiflung.

Berlins Kardinal Meisner hat in der St.-Hedwigs-Kathedrale, einen Steinwurf vom ZK-Gebäude entfernt, am Vorabend des Jubiläums ohne Jubel pointiert gefragt: „Wie viele Herrscher und Herren sind in den 750 Jahren gekommen und gegangen?“ Das erinnert an Bertolt Brecht: „Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. / Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne / Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.“

Aber das ist Geschichtsphilosophie, nicht Politik. Die Dinge werden nicht so bleiben, wie sie sind, doch sie werden schwerlich je wieder so werden, wie sie einst waren. Man kann sich vorstellen, daß Deutschland geteilt bleibt, wer immer seine Herrscher und Herren sind. Daß die Mauer bestehen bleibt, das ist wider die Natur. Th. S.