ZEIT: Herr Reuter, politische Demokratie und Marktwirtschaft erfordern Dezentralisierung. Machtzusammenballungen sind tendenziell für beides gefährlich. Ökonomische Macht birgt immer politische Risiken, das wissen wir nicht erst seit Flick. Daimler-Benz ist nun das größte Unternehmen der Bundesrepublik. Sind Sie sich sicher, daß Ihre Unternehmerkollegen die nötige Sensibilität für die politischen Wirkungen ihres Tuns haben?

Reuter: Natürlich werden die Unternehmer sehr oft als uniforme Herde dargestellt. Das sind sie nicht. Es gibt solche und solche. Besonders im mittelständischen Bereich gibt es Unternehmer, die völlig legitim und zu Recht sagen: Meine politische Leistung ist, daß ich als Unternehmer erfolgreich bin, denn damit trage ich bei zum Wohlstand unserer Gesellschaft, zum Blühen unserer Wirtschaft.

ZEIT: Wirklichen Einfluß können sowieso nur Großunternehmen ausüben.

Reuter: Es ist ein Faktum, daß ein solcher politischer Einfluß besteht im Bereich der größeren Unternehmen, die flächendeckend arbeiten, die sehr viele Menschen beschäftigen, die sehr viele Zulieferanten haben und die große Steuerzahler sind. Und klar ist, hier gibt es sicherlich Mitglieder von Vorständen, die weniger Gespür oder weniger Interesse haben für die politischen Auswirkungen ihres Handelns als andere. Als Beispiel aus unserem Haus: Ein Mann wie Hanns Martin Schleyer hat das fundamental gespürt. Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich ein negatives Beispiel jetzt nicht zitiere. Aber es gibt natürlich auch Leute, die sagen, was interessiert mich, wenn ich da Macht zusammenballe, ich richte mich nach dem Gesetz, fertig, aus, und alles andere ist mir einerlei. Ich kann nur sagen, in unserem Vorstand ist dieses ein kardinales Problem gewesen, über das wir gerade im Zusammenhang mit den Akquisitionen von AEG, Dornier und MTU viel nachgedacht haben.

ZEIT: Macht oder Einfluß sind ja schwierig zu quantifizieren. Sie haben einmal gesagt, daß Daimler-Benz zeitweilig zehn Prozent des gesamten deutschen Körperschaftsteueraufkommens geleistet hat. Wie sind die Relationen denn jetzt?

Reuter: Das war 1981 und 1982, seither schwankt der Anteil zwischen 5,5 und 8 Prozent.

ZEIT: Wenn ein Koloß wie Daimler eine Bitte äußert, kommt das nicht einem Befehl an die Politiker gleich?