In dunkle Kaftane gehüllte Männer spazieren mit langen, wohlabgemessenen Schritten auf der staubigen Straße. Andere gehen in knielangen Seidenmänteln, Pelzmützen und blütenweißen Strümpfen. Sie erinnern mich an vergilbte Bilder aus den osteuropäischen Gettos. Von den sonnenumfluteten Fassaden setzen sich die schwarzen Figuren in ihren oft arg zerschlissenen Umhängen ab wie hebräische Lettern auf Pergament.

Überlandbusse karren jeden Freitagmittag Chassidim (Anhänger einer ursprünglich osteuropäischen Richtung des Judentums) nach Safed, in die Hügelstadt im Norden Israels, die neben Jerusalem, Tiberias und Hebron einer der vier heiligen Orte des Landes ist. Wie einst nach Wilna, Lodz und Lublin pilgern Gläubige aus Rußland, Polen und Rumänien nach Safed zu ihren Wunderrabbis. Für die Einwanderer, für die weisen Alten mit den unförmigen Pelzmützen, den Shtreimels, wird diese Stadt jedes Wochenende am Sabbat zu einem Shtetl, wie man es längst für verschwunden hielt.

Safed, die Stadt der hundert Synagogen, der Kabbalisten, Mystiker, Gottesschwärmer und Chassidim, mit 850 Metern der höchstgelegene Ort im Heiligen Land, ist mit dem Bus von Tel Aviv und Haifa aus zu erreichen. Die Fahrt dauert zwei beziehungsweise eine Stunde. Eindrucksvoll ist die Reise durch das nordgaliläische Hügelland, vorbei an Maisfeldern mit ausgedehnten Bewässerungsanlagen, vorbei an uralten Olivenhainen mit knorrig aussehenden Stämmen auf endlosen Geröllhalden. Man sieht auf verfallene Kreuzritterburgen, auf alte und neue arabische Dörfer, die an den Gipfeln der Hügel kleben. Dann kommt man zu diesem faszinierenden Kompendium des jüdischen Lebens, nach Safed.

Aus einem zitronenfarbenen Bus mit der Aufschrift „Silver Tiger“ klettert eine Gruppe Frommer. Alte wie Junge sehen erbärmlich mager und ganz vergeistigt aus, geprägt vom Studieren und Beten in den Stuben und in der Synagoge. Der Lebensinhalt dieser Ultraorthodoxen besteht im Studium der heiligen Thora-Schriften. Bald schleppen die jungen Kettenträger mit den gekringelten Seitenlöckchen, die häufig bis auf die Schultern baumeln, eifrig Töpfe, Teller, Schüsseln, Kuchenformen, Pfannen und Kannen vom Kofferraum des Busses in ihre Unterkunft. Die Gefäße sind gefüllt mit koscheren Speisen.

Die zweistöckige Pension „Hadar“, in der die Orthodoxen wohnen, versteckt sich in einem schattigen Vorgarten. Die Inhaberin, die halb slawisch, halb orientalisch wirkt, erzählt, daß bereits die Großeltern mit den ersten Einwanderern im 19. Jahrhundert aus Rußland hierherkamen. Als die untersetzte 50jährige Dame die Schlüssel an die Frommen verteilt, palavert sie in reinem Jiddisch. „Wieviel Menschen sennen heint mitgekimmen?“ fragt sie den überraschend wohlgenährt aussehenden Gemeindevorsteher. „Lost ihr aus alles unsere Sorgen sein“, antwortet der Bärtige in der pechschwarzen Seidenrobe, die sich bereits gefährlich eng über dem Bauch zu spannen beginnt. „Wir werden schon alle unterbringen!“

Ich verlasse die Frommen und gehe in mein Zimmer. Vom breiten Balkon aus habe ich eine wahrhaft überwältigende Aussicht auf die Hügelstadt, auf die uralten Anwesen, die unzähligen Treppen, auf die Synagogen und Lernstuben und auf die weichgezogenen Bergketten, die die Stadt umschließen. So weit das Auge reicht, ziehen sich die mit Pinien bewachsenen und mit einer Dunstschicht bedeckten Hügel hin, bis zum Jordantal, zum Libanon, zum Mittelmeer.

In der frühen Nachmittagshitze schlendere ich ins Künstlerviertel im ehemals arabischen Teil, einige Minuten von der Pension entfernt. Im ersten Unabhängigkeitskrieg, 1948, flüchteten die Araber, und in ihre leeren Behausungen quartierten sich jüdische Maler, Bildhauer und Töpfer ein, bei denen man hervorragende und auch preiswerte Gemälde, Graphiken und Skulpturen kaufen kann. Das Künstlerviertel wirkt am Nachmittag wie ausgestorben, vieles sieht zwar verfallen und vermoost aus, aber ich erkenne auch kunstvoll angelegte Rabatten, mit Dahlien und Gladiolen, raffiniert konstruierte Lauben und Hecken, wunderbare Gärten im arabischen Stil – ein grünes Idyll um einfache Villen.