Ludwig van Beethoven: „Die späten Streichquartette“

Im „Testimonium“ einer großen deutschen Schallplattenzeitschrift zum Jahresbeginn gefragt, wen er zu seinen Lieblingsinterpreten rechne, hatte Johannes Rau, SPD-Kanzlerkandidat, ohne Umschweife erwidert: „Als Kammermusikfan schätze ich besonders das Amadeus-Quartett aus Stuttgart.“ Der Gedankenfehler müßte dem Ministerpräsidenten-Kollegen Lothar Späth maliziöses Vergnügen bereiten: Nicht das in London beheimatete Amadeus-Quartett, vielmehr das Melos-Ensemble gereicht der baden-württembergischen Landeshauptstadt kammermusikalisch zu höchster Zier und gilt – darüber hinaus – heute als das führende deutsche Streichquartett. Wilhelm Melcher, der Primarius, hat mit den Brüdern Gerhard und Hermann Voss sowie dem Cellisten Peter Buck in über zwei Jahrzehnte langer zäher Arbeit auch international optimale Reputation erworben. Mit der Einspielung von Beethovens gleichsam metaphysisch inspiriertem Testament haben die vier offenbar einen Höhepunkt ihres bisherigen Könnens erreicht. Wer ihren Aufschlüsselungen folgt, dürfte schwer von der Einschätzung abzubringen sein, diese ungemein sperrige, dissoziierende und rhythmisch nahezu alle Innovationen des 20. Jahrhunderts vorausgreifende Materie sei jemals zuvor besser übermittelt worden, weder vom Busch-, Borodin- oder dem Budapester- noch von einem weiteren Streichquartett. Ohne deren Meriten zu verkennen, aber auch ungeachtet des Vorzugs der digitalen Audiotechnik ist die neue zyklische Melos-Aufnahme extraordinär in der grandiosen spielerischen wie konzeptionellen Bewältigung des nach wie vor schwierigen Stoffes. (DG 415 676-2) Peter Fuhrmann

„Tipico brasileiro – Gitarrenmusik unserer Zeit“

Typisch brasilianisch? Nun denn, Heitor Villa-Lobos hat mit seinem so genannten Stück von 1928 zum Titel für die ganze Schallplatte angeregt – und den Gitarristen (und Lautenisten) Konrad Ragossnig, den man mit ganz anderer, nämlich sehr mitteleuropäischer Musik im Ohr hat, zu diesem Abstecher nach Lateinamerika. Wie schön, daß er auch bei den volksmusikalisch inspirierten Stücken er selber bleibt und dem Komponisten die Ehre seiner Deutung eröffnet: in den langsamen Stücken sehr gelassen, aber nicht ohne Spannung, in der zwölften Etüde temperamentvoll, aber ganz und gar nicht hektisch. Diese empfindsame Nachdenklichkeit spürt man auch in den anderen Stücken: in der hübschen Musette von Wladimir Vogel, in Präludium und Fuge 1 von Friedrich Zehm, besonders in den „Cantati Carinthiae“ von Günther Mittengradnegger, fünf Stücken, in denen Kärtner Volkslieder betulich-moderne Verwandlungen (mit bisweilen brasilianischem Habitus) erfahren haben. Das Vorbild Villa-Lobos gibt sich dann noch einmal der Sonata 4 „La Breve“ von Reginald Brindle zu erkennen, drei Sätze voll gedankenschwerer Erörterungen. An sie schließen sich wie selbstverständlich Friedhelm Döhls „Nachklänge“ an, fragmentarische Etüden, in denen es, dem Meditieren zuliebe, mehr um das geht, was der Komponist ausgespart hat. (Wergo 60 105) Manfred Sack