In einem Interview im Messaggero hat Franco Fortini unter anderem gesagt: „Ecos Fehler war, daß er in den sechziger Jahren eine Kritik der Kulturindustrie entwickelt hatte und dann später das Feld geräumt hat. So gibt es in Italien heute niemanden mehr, der eine solche Aufgabe wahrnimmt, und die Leute warten vergebens, daß einer ihnen erklärt, was das Fernsehen ist, wer dort arbeitet, wie und warum ...“

Ich weiß nur zu gut, wie solche Kurzinterviews funktionieren (ein Angelpunkt der Kulturindustrie), und kann mir denken, daß Fortini etwas Subtileres und Differenzierteres zu diesem Thema sagen könnte und vielleicht auch gesagt hat. Er möge mir verzeihen, wenn ich seine angebliche Äußerung hier als Aufhänger nehme.

Der Punkt ist nicht, ob ich über die Kulturindustrie noch schreibe (mir scheint, ich tue es häufig, besonders in dieser Zeitung). Der Punkt ist, daß ich sehr gut schweigen könnte, denn seit jenen sechziger Jahren, in denen es provokatorisch erscheinen mochte, das Fernsehen oder die populären Comics zu analysieren, ist die Kritik der Kulturindustrie eine ziemlich verbreitete Gattung geworden. Ich weiß gar nicht mehr wohin mit all den Büchern, die ich jeden Monat zu diesem Thema bekomme. Viele davon sind präzise, wohldokumentierte, überaus kritische Studien. Man beachte, daß wichtige Untersuchungen gerade auch von der RAI finanziert und veröffentlicht werden, und ich kann versichern, daß es sehr gründliche, schonungslos enthüllende Untersuchungen sind und daß die RAI sie unzensiert und gratis verbreitet, so daß ihre Ergebnisse in Zeitungsartikel, Rezensionen und Aufsätze eingehen. Kurz gesagt, nie wurde soviel über die Kulturindustrie geschrieben wie heute, und nicht nur, um ihr Loblied zu singen, sondern sehr wohl auch, um ihre Übel anzuprangern. Längst schon lassen die fortschrittlichsten Lehrer ihre Schüler kritische Analysen der Werbung machen.

Wieso bemerkt das dann aber niemand? Warum kann das, was Fortini gesagt hat, vielen zu Recht als ein Alarmruf erscheinen? Der Grund ist leider sehr einfach: Die Kritik der Kulturindustrie ist eines der vielen Produkte der Kulturindustrie. Und niemand hat daran schuld. Denn da es sinnlos ist, die Kulturindustrie im privaten Geheimtagebuch zu kritisieren, da die Kritik öffentlich werden muß und da sogar schon die revolutionären Flugblätter der Achtundsechzigergruppen gesammelt und in Buchform publiziert worden sind, wird jede Kritik der Kulturindustrie zu etwas, das durch die Kulturindustrie verbreitet wird. Wir leben in einer Zeit, die in mancher Hinsicht einem Mittelalter unter der Herrschaft der christlichen Religion ähnelt. Eine der Arten, die christliche Welt zu kritisieren, war damals zu sagen, daß die Christen, einschließlich der Bischöfe, sündigten. Doch da jeder Sonntagsprediger und jeder Verfasser von Handbüchern über die wahre Buße nichts anderes tat als zu sagen, daß die Christen allesamt sündigten, einschließlich der Bischöfe und Päpste, redeten alle über den Sittenverfall, aber das eben war genau ein Bestandteil der herrschenden Sitten.

Kürzlich ist in den Vereinigten Staaten ein Band mit vielen meiner Analysen erschienen, die ich in den letzten zwanzig Jahren über die Massenmedien geschrieben habe, über die amerikanischen und die europäischen. Die Reaktion war merkwürdig: Viele Rezensenten empfanden diese Schriften als unerlaubte Kritik eines Europäers, der schlecht über die amerikanische Lebensweise redet Sie bemerkten gar nicht, daß ich auch über die europäische Lebensweise schlecht redete. Ohne sich dessen bewußt zu werden, identifizierten sie das Universum der Massenmedien mit der Zivilisation, in der sie leben. Dabei handelt es sich um nachdenkliche Intellektuelle, die es in der Regel (aus Snobismus) ablehnen, in die Glotze zu sehen, und die nicht Coca-Cola trinken, sondern französischen Wein. Trotzdem fühlen sie sich irgendwie solidarisch mit einer Welt, deren Existenz die Bedingung auch ihrer eigenen Existenz ist

Würde Fortini existieren, wenn es den Messaggero nicht gäbe, der seinen Alarmruf druckt, den Verlag, der seine Gedichte und Essays publiziert, den Espresso, der seinen Befürchtungen Stimme gibt? Würde Homer noch existieren, wenn es die Taschenbucheditionen nicht gäbe? Vielleicht schon, auf irgendeine für uns nicht mehr vorstellbare Weise. Leider existiert jedoch die Kritik der Kulturindustrie nur als Ausdruck der Kulturindustrie. Sicher kann man in gewissen Fällen die Kunst des Schweigens üben. Aber nicht immer. Auch die mönchischen Reformen sind Massenmodelle geworden, lange vor der Erfindung des Buchdrucks. Bleibt also nur zu hoffen, daß das Spiel auch seine Widersprüche hervorbringt. Im Grunde geschieht das ja schon, und viele Jugendliche wissen es. Unter tausend Botschaften, in denen sich die Kritik mit der Zelebrierung vermischt, entdecken sie unversehens das eine Wort, das zum Nachdenken anregt. Mehr kann man nicht tun. Aber auch nicht weniger.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber. Copyright l’Espresso.