Grete Mosheim ist tot. Eine der großen Gestalten des deutschen Theaters ist, wenige Tage vor dem zweiundachtzigsten Geburtstag (am 8. Januar), gestorben, am 29. Dezember 1986 in – New York. Den Ort nennend, in dem die Tochter eines Sanitätsrates aus Berlin-Kreuzberg gestorben ist, spüren wir anderen Schmerz, tieferen Verlust.

In manchen Nachrufen ist von Grete Mosheims „Wahlheimat“ New York zu lesen. Wie schäbig lügen wir uns deutsche Geschichte zusammen. „Wahl“-Heimat für eine Zwangsvertriebene aus rassistischen Gründen? Wie aberwitzig, wie beschämend stumpfsinnig wirkt eine von wohlbestallten Universitäts-Beamten und ihren journalistischen Helfershelfern angezettelte „Historiker“-Debatte über die mögliche „Einmaligkeit“ nazistischen Rassenwahns angesichts der Drei-Zeilen-Meldung, daß eine Frau, die deutsches Theater, deutsche Kunst in diesem Jahrhundert unvergeßlich belebt und bereichert hat, im Exil sterben mußte, in der Fremde, in die ihre teutonischen „Mitbürger“ sie verstoßen haben.

Ja, Grete Mosheim kam zurück, für Gastspiele, Filme, sogar für ihre erste eigene Regie einer Komödie von Frank Marcus – mit 67 Jahren, am Berliner Renaissancetheater (1972). Aber heimisch wurde sie in der alten Heimat nicht mehr. Sie blieb fremd. Eine (wenn auch immer wieder willkommene) Gastarbeiterin.

Und was für ein Beginn. Die Siebzehnjährige spricht Max Reinhardt vor, wird in die Schauspielschule aufgenommen und steht bald auch schon auf der Bühne, nein: im Zentrum des deutschen Theaters. Eliza Doolittle in Shaws „Pygmalion“, Gretchen im „Faust“, Wendla in „Frühlingserwachen“ – was hat dieses bis ins hohe Alter jung wirkende Wendla-Gretchen nicht gespielt? „Die Chansons der Mosheim aus den ,Artisten‘ (einer Musical-Revue von Watters/Hopkins) wurden Tagesschlager“, lesen wir über die Reinhardt-Premiere 1928. Ihre „Gabe, das Wehleidige zu entzuckern“, lobt Monty Jacobs. „Kein Tropfen Sentimentalität“, rühmt Bernhard Diebold. Und im Börsen-Courier bestimmt Emil Faktor den Notenwert der jungen Schauspielerin ein für allemal: „zartnervig, veilchenhaft duftig“.

Daß Grete Mosheim in einem Mediziner-Haushalt im Arbeiter-Bezirk Kreuzberg aufgewachsen ist, war immer zu spüren. Wer die Legende Grete Mosheim sehen/hören konnte, als sie nach zwanzig Jahren endlich wieder auf eine deutsche Bühne kam, war überrascht, wie realistisch genau, ja spröde diese als Elfe und Märchenengel verklärte Frau wirkte. Neben dem betörenden Singsang der aus Wien kommenden Elisabeth Bergner behauptete die Mosheim einen herrlich klaren, aufklärenden Berliner Wahrheits-Ton. Wer sie erlebt hat als böse „Alte Dame“ Dürrenmatts, als die von Drogen (und der Familie) zerstörte Mutter in O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, zuletzt als heiter-verzweifelte Winnie in Becketts „Glückliche Tagen“, wird sich dankbar an das Glück erinnern, dieser kleinen, zarten Frau begegnet zu sein, die eine große Schauspielerin von zäher Kraft und preußischer Disziplin war.

R. M.