Selbstgefällig zog Martin Bangemann am Jahresende Bilanz. Die Wirtschaft laufe gut, der Aufschwung sei auch 1987 sicher, verkündete der Bonner Wirtschaftsminister kurz vor den Weihnachtsfeiertagen. Nicht einmal der Export werde einbrechen, obwohl Dollarschwäche und zunehmender Protektionismus in den USA den Firmen immer größere Schwierigkeiten machen. Alles bestens, meldete auch die FAZ: „Wirtschaft, Arbeitnehmer und Verbraucher können zufrieden sein. Einen fünfjährigen Aufschwung hat es in der deutschen Nachkriegsgeschichte nur selten gegeben.“ Und am 25. Januar ist Bundestagswahl.

Auf großflächigen Plakatwänden präsentiert die CDU den Mann, dem die wirtschaftlichen Erfolge der vergangenen vier Jahre mehr als jedem anderen in der Regierung zugeschrieben werden: Finanzminister Gerhard Stoltenberg. Gemessen an seiner Popularität gilt er den Bürgern als Garant für ökonomische Sicherheit, Solidität und Stabilität und der Union als Garantie für eine gute Zukunft als Regierungspartei. Schließlich hat er etwas vorzuweisen, was von den Wählern hierzulande noch allemal honoriert wird:

  • Die niedrigste Inflationsrate seit dreißig Jahren,
  • die geringste Neuverschuldung des Bundes seit zehn Jahren und
  • zum erstenmal seit fünf Jahren wieder reale Einkommenssteigerungen der Beschäftigten.

„Nicht zuletzt wegen der Wirtschaftspolitik“, stellte denn auch Michael Geuenich, Mitglied im DGB-Bundesvorstand, fest, „haben viele Arbeitnehmer bei der letzten Bundestagswahl der SPD ihre Stimme verweigert.“

Das wird auch diesmal so sein. Denn die Sozialdemokraten tun sich noch immer schwer, der Person des Finanzministers und den plakativen Erfolgsmeldungen der Regierung glaubwürdige und kompetente Alternativen entgegenzusetzen. Die Bilanz der Bonner Koalition ist ja keineswegs so makellos, wie Stoltenbergs Image vermuten läßt, und bei immer noch mehr als zwei Millionen Arbeitslosen nach nun vier Jahren Aufschwung, wiederkehrenden Umweltkatastrophen und absehbaren Finanzkrisen in der Sozialversicherung sind Ökonomen gewiß gefragt. Ausgerechnet jetzt aber melden die Sozialdemokraten Fehlanzeige. Gewiß ist Wolfgang Roth ein ausgezeichneter Fachmann, aber er hat weder das nötige Durchsetzungsvermögen in der Partei noch ausreichendes Ansehen in der Bevölkerung. Gleiches gilt für Hans Apel oder Ingrid Matthäus-Maier, die Steuerexperten. Kein Wunder, wenn viele Genossen noch immer dem einstigen Superminister Karl Schiller nachtrauern.

Doch auch der Altmeister sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik hätte es heute, bei aller Brillanz, nicht mehr so einfach wie vor zwanzig Jahren. Nach Wiederaufbau und Restauration erlebte die von Ludwig Erhard durchgesetzte Marktwirtschaft ihre erste Krise, die Bundesrepublik die erste große Rezession der Nachkriegszeit. Die amtierende Regierung hatte mit ihrer Politik abgewirtschaftet, neue Ideen waren gefragt. Die Sozialdemokraten vertraten genau das, was auch in der wissenschaftlichen Diskussion in Mode war: Globalsteuerung, die Machbarkeit der Konjunktur, eine populär-politische Version der Lehre des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Doch die naive Globalsteuerung zeigte schon bald ihre Tücken. Verschärft durch zwei Ölpreiskrisen wurden die Grenzen dieser Politik aufgedeckt, zuletzt in Frankreich zu Beginn der Präsidentschaft François Mitterrands.

Mit der Ernüchterung über die Leistungsfähigkeit staatlicher Wirtschaftspolitik wechselte auch die wissenschaftlich vorherrschende Lehre. Angebotspolitik wurde populär, in Schlagworten: weniger Staat, mehr Markt, Verbesserung der unternehmerischen Leistungsfähigkeit statt Nachfragesteigerung, individuelle Vorsorge statt kollektiver Fürsorge, kurz: Leistung soll sich lohnen. Der Wechsel des gültigen Paradigmas kam den Konservativen zugute, erst Margaret Thatcher in Großbritannien, dann Ronald Reagan in den USA und schließlich Helmut Kohl in der Bundesrepublik. Die Sozialdemokraten aber stürzten spätestens nach dem Abgang von Helmut Schmidt in ein Dilemma, aus dem sie sich bis heute nicht befreit haben. Sie haben bisher keine überzeugende Antwort auf die neue Richtung gefunden und schon gar keine Person, die eine formulieren und vertreten könnte. Das Ansehen der Ökonomen, die als Technokraten gelten, ist in der innerparteilichen Diskussion gesunken gegenüber den Philosophen, den Weltinterpreten.