Auf einem kalten Landfriedhof der Grafschaft Sussex wurde „der perfekte Gentleman“ zu Grabe getragen, wie der Bischof von Chichester in seiner Predigt versicherte. Einige Trauergäste bemühten sich dabei um die Art trockenen, gelegentlich respektlosen Humors, die Harold Macmillan zeitlebens ausgezeichnet hatte. „Ich wette, ihm ist jetzt viel kälter als mir“, witzelte ein älterer adliger Trauergast.

Viscount Macmillan, der künftige Lord Stockton, versicherte später, daß sein mit 92 Jahren verstorbener Großvater an all den vielfältigen Reaktionen auf seinen Tod sicherlich seine Freude gehabt hätte. Nicht zuletzt hätte Lord Stockton die auffälligen Versuche der Nachwelt genossen, die aus solch traurigem Anlaß fälligen Worte der Würdigung und des Respektes für den Toten zugleich als Waffe gegen den politischen Gegner einzusetzen.

Auch die Politiker mischten in ihre Beileids- und Respektsbekundungen manche gar nicht so harmlose Spitze gegen ihre Widersacher: Labour-Chef Neil Kinnock pries Common sense und Mitgefühl des Verstorbenen, sicher aus wirklicher Überzeugung; genauso aber aus der Absicht heraus, Margaret Thatcher im Kontrast zu Macmillan als unvernünftig und hartherzig darzustellen. Wer das nicht mitbekam, für den war Kinnocks Zusatzbemerkung bestimmt. Macmillan habe noch zu einer Generation von Konservativen gezählt, die ihre Pflicht dem ganzen Volk gegenüber akzeptiert und verstanden hätten.

Und Margaret Thatcher? Sie wäre sich selbst nicht treu geblieben, hätte sie auf jegliche Gegenwehr verzichtet. Natürlich enthielten ihre Erklärungen nach dem Tode Lord Stocktons Rühmendes genug: Eine Eiche sei gefallen, ein Mann von außergewöhnlicher Intelligenz, Bildung und Leidenschaft von uns gegangen. Der Zusatz aber „niemand von uns ist ohne Fehler“, schien sie kaum auf sich selbst, wohl aber auf den Premier der Jahre 1957 bis 1963 gemünzt zu haben, der als alter Herr zum Kronzeugen gegen die doktrinäre Wirtschaftspolitik der heutigen Tory-Chefin geworden war. JürgenKrönig (London)