Was waren die deutschen Konzentrationslager? "Eine Welt für sich, ein Staat für sich – eine Ordnung ohne Recht, in die der Mensch geworfen wurde, der nun mit all seinen Tugenden und Lastern – mehr Lastern als Tugenden – um die nackte Existenz und das bloße Überleben kämpfte... Das Ganze hinter den eisernen Gitterstangen einer terroristischen Disziplin, ein Dschungel der Verwilderung, in den von außen hineingeschossen, aus dem zum Erhängen herausgeholt, in dem vergiftet, vergast, erschlagen, zu Tode gequält, um Leben, Einfluß und Macht intrigiert..., kurzum tragoedia humana in absonderlicher Weise exemplifiziert wurde... Das Böse kann allerdings Formen annehmen, daß sich die Feder sträubt, sie zu Papier zu bringen."

So hat es Eugen Kogon schon im Dezember 1945 im Vorwort zur Erstauflage seines Buches "Der SS-Staat" für alle diejenigen niedergeschrieben, die nicht genau wissen (wollen) oder sich später nicht mehr erinnern würden, was wirklich geschah. Eugen Kogon schrieb weiter: "So zog er (Himmler) ein ‚Angst-vor-Terror‘-System über das ganze Land, das in der Geschichte der Kulturvölker seinesgleichen sucht. Die Konzentrationslager... waren nur der stärkste Ausdruck dieses Systems, das vielfältig alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens erfaßte und zugleich das wirksamste Mittel." Das ist einundvierzig Jahre vor der Rede von Helmut Kohl niedergeschrieben worden, in welcher er – live – davon sprach, zweitausend "unserer Landsleute" würden vom Regime der DDR als politische Gefangene "in Gefängnissen und Konzentrationslagern" gehalten.

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Tiefernst, betroffen und empört hat sich die FAZ gleich zweimal mit der jüngsten "Panne" befaßt – nein, nicht mit Kohls Wort vom KZ, sondern mit der vertauschten Neujahrsansprache des Kanzlers am Silvesterabend. Einer der Kommentatoren gewann diesem Umstand, daß Kohl gleich zweimal ausgestrahlt wurde, zunächst in der Fassung für 1986, dann in der für 1987, auch eine gute Seite ab. Er nutzte die Gelegenheit, um "genau zuzuhören – am besten mit geschlossenen Augen". Dabei entdeckte er, daß der Kanzler in seiner Silvesterrede 1985 in seinem Dank an die Soldaten auch die Zivildienstleistenden eingeschlossen habe, während er diesmal zusätzlich den Polizeibeamten dankte und die Friedensdemonstranten verwarnte. Mehr noch, 1985 hat Kohl davon gesprochen, er wolle "Frieden schaffen mit immer weniger Waffen". Jetzt, registrierte der aufmerksame Betrachter in Frankfurt, fehlte das Wörtchen "immer". Daraus folgerte er, daß Kohl nun einsehe, mit "immer weniger Waffen" könne auch ein "Gefahrenpunkt" erreicht werden, nämlich: "Abrüstung bis zur Null-Linie". Um Himmels willen! Gottlob hat uns also die Panne beim Fernsehen doch "einen Lernprozeß erkennen lassen", der sich beim Kanzler vollzog. "Das Ganze ist wahrlich mehr als eine bloße ‚Panne‘: ein wichtiges Konsens-Ritual der Demokratie, eine bisher unangetastete Regel des öffentlichen Lebens wurde zerstört. Dabei litt nicht nur die Person Helmut Kohl Schaden, sondern auch die Institution Bundeskanzler." Gestern noch dankbar, daß die ARD den Lernprozeß Kohls enthüllte, heute völlig verstört: "Der ganze Gestus des ernsten, repräsentativen Appells, der mahnenden, die Streitenden in dieser Mahnung zur Nachdenklichkeit versammelnden Kanzlerreden – zu einer ganz bestimmten Stunde des Jahres im ‚glücklichen‘ Augenblick im ‚kairos‘ und nur dann möglich – hat viel von seiner Intensität verloren."

Plötzlich ist (für die FAZ) die Welt entzaubert und würdelos ins "Zwielicht der inszenierten Konserve" gerückt. Besteht das Konsensritual der Demokratie darin, daß wir Video-Aufnahmen von Politikerreden als live anschauen? Oder Kohl mit geschlossenen Augen lauschen?

Wie auch immer: Alles schreit nach dieser Panne nach Privatisierung von Funk und Fernsehen, meinen FAZ und Welt unisono.

Die Panne als Systemfehler? Hätten Kohl und Ost das von Fall zu Fall so streng bei sich selber gesehen und so radikal Konsequenzen verlangt, wäre das Kabinett dezimiert. Und Kohl würden wir wohl längst nicht mehr live im Amt erleben, sondern nur noch auf einer Kanzler-Erinnerungskassette.

Gunter Hofmann