Vor zehn Jahren bereits hatte der Sammler, Graphiker und Ausstellunggestalter Claus Peter Gross in der Berliner Akademie der Künste seine Sammlung von Spielsachen, Bildern und Dokumenten zu einer Geschichte der Kindheit in einer vielbeachteten Ausstellung vorgestellt: „Puppe, Fibel, Schießgewehr“.

In veränderter, verdichteter Gestalt wurde die inzwischen vom Land Berlin erworbene Sammlung kürzlich im Berliner Martin-Gropius-Bau neu inszeniert.

Dazu hat Gross ein Buch geschrieben, das sich von Katalogen in mancherlei Hinsicht unterscheidet. Zum einen, weil es tatsächlich keine Auflistung der Sammlung ist, zum andern, weil es dem Leser weder mit wissenschaftlichem Pathos noch alternativer Besserwisserei aufwartet. Nicht zuletzt ingeregt durch Ausstellungen wie die Grosssche von 1976 brachte die historische Forschung des Alltags, der Kindheit und der Familie bürgerlicher wie proletarischer Prägung eine Fülle an Büchern. Aufwendig illustrierte populäre Sammelbände ebenso wie kaum lesbare akademische Fleißarbeiten, die ihr Thema im Gestrüpp der Fußnoten aus den Augen verlieren. Gross’ Buch lebt von der Summe aus Erfahrung, Gelesenem, Erforschtem und aus der Anschauung der Gegenstände. Daher verfällt es weder der wehmütigen Erinnerung an die das deutsche Kaiserreich als eine durchgängig finstere Epoche jenseits des gesellschaftlichen Fortschritts zu sehen. Ich habe mich gleich nach der Eröffnung der Ausstellung tief in die Lektüre des Buches und der Zeiten verloren, um es erst früh am Morgen aus der Hand zu legen.

Es relativiert manches Urteil, indem es anstelle von Behauptungen Fragen setzt. Und diese Fragen führen immer wieder hin zur Anschauung der gebotenen Bilder, der Photographien und Faksimiles. Sie zwingen zum genauen Hinsehen – etwa wenn das Bild einer verhärmten Frau, die auf den Armen einen Säugling und auf dem Rücken eine Kiepe trägt, unterschrieben ist mit der lapidaren Frage: Mutter oder Großmutter? Oder wenn das Gruppenbild einer eher gut situierten Hochzeit sowohl als Ganzes gezeigt wie durch Ausschnitte daraus erläutert wird. Da kommentieren Handhaltungen, Gesten, Minenspiel und Bewegung das bildhafte Ritual. Bis zur letzten Seite wird dem Leser nichts geschenkt: den Schluß bildet eine Graphik mit der Bilanz der Toten des Ersten Weltkrieges. Janos Frecot

  • Claus Peter Gross:

„1871-1918 ... verliebt, verlobt, verheiratet ... unter Adlers Fittichen“;

Verlag Willmuth Arenhövel, Berlin; 411 S., 43,– DM