Eine Winterreise kreuz und quer durch den Harz

Von Esther Knorr-Anders

In die Traum- und Zaubersphäre sind wir, scheint es eingegangen“ – mit dieser Zeile beginnt der Wechselgesang zwischen Mephisto, Faust und dem die beiden Nachtwanderer begleitenden Irrlicht auf dem Wege zum Brocken. Goethe verewigte mit seiner „Walpurgisnacht“, diesem grandios-obszönen Hexenspektakel, das Gebiet zwischen Schierke und Elend, das heute zur DDR gehört. Doch die gängige Behauptung, die eindrucksvollsten Harzregionen befänden sich allesamt auf DDR-Gebiet, entbehrt der Wahrheit.

Auf westlichem Territorium wurden Opfermesser und viele Kultgegenstände aus heidnischer Zeit gefunden. Kein Ort, kein Waldstrich, kein Flußlauf, der nicht sagenumsponnen ist. In den Städten betäuben erhaltene Kunstdenkmäler, bauliche Bizarrerien die Sinne. Osterode, das „Tor zum Harz“, spinnt den Gast in den Zauber ein. Um 724 zerstörten christliche Missionare vor Ort den Altar der Sonnenaufgangs- und Frühlingsgöttin Ostera, die der Stadt den Namen gab. Das zeitigte unvorhergesehene Folgen. Durch Osterode fließt die Söse. An jener Stelle, wo der Fluß aus dem Harzgebirge tritt, badet nächtens eine Frau. Eine Lichtstraße umgleißt sie. Getraut man sich, mit ihr zur Osteroder Burgruine hinaufzusteigen, dort einen jaulenden Kettenhund zu passieren, erhält man eine Lilie aus purem Gold geschenkt. Am Hungertuche nagende Leineweber und Lohgerber soll die Göttliche zu reichen Männern gemacht haben. Die Angelegenheit wird glaubhaft, sobald man in Osterode die Söse-Promenade entlangwandert. Der Fluß ist vom Geäst mächtiger Bäume überhangen. Das Wasser gleißt bei Mondlicht und auch bei Sonnenschein. Sich eine „Lichtstraße“ vorzustellen, fällt nicht schwer. Die badende Dame allerdings muß die Phantasie hinzufügen.

Farbenfrohe Fachwerkhäuser

Bei einer schmalen Brücke mag man von der Promenade abbiegen und ist dann nach wenigen Schritten im Zentrum Osterodes, und zwar auf dem Kornmarkt. Farbenfrohe Fachwerkhäuser rahmen den weiten Platz ein. Steil reckt sich die St.-Aegidion-Kirche empor. Im Gotteshaus, rechts und links des Altars, faszinieren sechs Grabplatten. Die auf ihnen Dargestellten sind die letzten Herzöge von Braunschweig-Grubenhagen mit ihren Gattinnen. Die drei Ehepaare starben in den Jahren 1567 bis 1596. Die Herzoginnen müssen Schönheiten gewesen sein.

Osterodes Sozialgeschichte ist vorbildlich im „Ritterhaus“, dem Heimatmuseum, zur Schau gebracht. Den bestechenden Bau aus dem Jahr 1640 ziert ein unübersehbarer Ritter. Innen begegnet man den historischen Zeugnissen des Broterwerbs: Innungstruhen, kunstvolle Ofenplatten der eisen- und holzverarbeitenden Handwerkszweige sind ebenso zu bewundern wie die Hirtenkittel, Kuhglocken und Hörner aus der Weidewirtschaft. Der 1822 verstorbene Johann Friedrich Schachtrupp blickt von der Wand. Der Bleiweißfabrikant hinterließ Osterode eine wunderbare Villa, die er zeitlebens lediglich zu Repräsentationszwecken benutzt hatte. Er selbst wohnte auf dem Fabrikgelände außerhalb der Stadt, mitten unter den Arbeitern.