Ungastliches Berlin

Berlin ruft – ja, es lockt Besucher aus aller Welt an, denn, so wissen wir es aus der Werbung, Berlin tut gut und ist durchgehend geöffnet. Also kommen sie zuhauf, auch an den Ferien- und Feiertagen, wo die Sonderangebote der Hotels ausgebreitet werden, an Silvester und Neujahr, zum Beispiel, um sich endlich einmal Zeit zu nehmen für die Museen, die Ausstellungen, den wiedererstandenen Gropius-Bau oder die neu in Charlottenburg installierte Romantik-Abteilung. Aber das war wohl eine Fehlanzeige. Alle Türen sind verschlossen: Alle Museen sind zu, keine Ausstellung ist zu besichtigen und auch der Gropius-Bau nicht. Durchgehend geöffnet? Wer anderntags ein wenig verbittert zum Flugplatz fährt, sieht dort wenig Grund, sich zu erheitern: Wie so häufig ist die Pan American-Maschine verspätet, und wie gewöhnlich gibt es dafür weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung – das hat die Gesellschaft offenbar nicht nötig, denn es gibt keine Konkurrenz. Berlin ist eine Reise wert? Werbetexter sollten verpflichtet werden, zu erproben, was sie loben.

Journalistenpoesie: Wie deutsch?

Na, dann hinaus mit dem Weihnachtsbaum! Doch, halt, was ist das? Was liegt da unter den Nadeln? Eine Zeitung, eine FAZ vom Heiligabend, damit der Tisch nicht naß wird. Das ist gut gedacht, denn in der Hektik der feierlichen Tage hätte man doch beinahe den Leitartikel von Karl-Alfred Odin verpaßt. Und so sitzen wir jetzt in unserem warmen Sessel, neben uns Walter, unser Dobermann, und lassen es noch einmal Revue passieren, das Fest der Deutschen: „Weihnachten ist das vertraute Fest der Deutschen ... Aus der Verschmelzung des germanischen Wesens mit Recht und Organisationstalent der Römer im Feuer des christlichen Glaubens ist das Deutsche entstanden ... In der Zeit, welche die Aufklärung, die Entfaltung des Geschichtsbewußtseins und die Herrschaft der Naturwissenschaften über Denken und Glauben durchlaufen hat und gegenwärtig deren Ende erlebt, wird in diesem Fest noch einmal zusammengefaßt, was das Deutsche prägt. Nicht die Augenblicke des Triumphs, die Eroberungen im Osten und Westen“ (seufz!), „nicht die Sehnsucht nach Italien, nicht der Drang in die Unendlichkeit des Universums“ (o ja!) „oder ins Innere der Atome sind es, die das Deutsche ausmachen. Auch nicht die Stunden der Schmach, die Selbstzerfleischung im Dreißigjährigen Krieg oder Hitlers Herrschaft“ (jawoll!), „die Ausrottung der Juden und der Lebensuntüchtigen“ (na bitte!)...,. ., sondern „es ist die Botschaft der Heiligen Nacht: ‚Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“

Germanisches Wesen. Römisches Recht. Christliches Feuer. Alles zusammen: FAZ, Zeitung für Deutschland. Odins Hammer an der Krippe von Bethlehem, alle Jahre wieder.