Auf den ersten Blick: Pornographie. Und zwar der üblen Sorte: Es häufen sich Folter- und Mordszenen, Kindesmißhandlungen, sadistische und masochistische Rituale, voyeuristische Phantasien, sodomitische und nekrophile Neigungen. Der bayerische Zoll hat dieses Buch eines Wiener Performance-Künstlers (und promovierten Juristen) nicht nach Deutschland hereingelassen.

Auf den zweiten Blick: Im Hauptteil hat Alfred Zellinger, Jahrgang 1945, Zeitungsnachrichten und Phantasien zu „1000 Liebesgeschichten“ montiert: kurze Mosaike, Skizzen, Meldungen aus der Welt alltäglicher sexueller Perversionen. Davor kann man ja nicht die Augen verschließen: Daß Morde und Selbstmorde gelegentlich aus Liebe geschehen, daß Vergewaltigungen, daß Quälereien an Kindern eine erschreckende Dunkelziffer haben, daß aus allen Ecken der Welt immer wieder staatlich mehr oder weniger geduldete Exzesse und Folterungen bekannt werden. Die Nachtseite der Zivilisation – sie könnte in einem Anti-Liebesroman, einer literarischen Bestandsaufnahme durch Häufung unausweichlich vorgeführt werden. Könnte.

Auf den dritten Blick: Das Buch mit dem pompösen Titel „Liebe als fatale Strategie gegen das ironische Spiel der Verführung“ ist ein spekulatives Machwerk, in dem mit pubertärem Eifer Schlagzeilen und Informationen aus der Boulevardpresse in Ton und Inhalt übernommen werden („Aus Eifersucht Geliebten den Penis abgeschnitten“, „Ehemann im Kofferraum störte Liebe im Auto“) – eine Collage mit Hilfe des Schreibcomputers, wie der Abschreiber stolz berichtet, ohne auch nur einen Gedanken an den Wahrheitsgehalt dieser Art Nachrichten zu verlieren.

Schlimmer als ehrliche Pornographie: Der Monteur, angeregt durch diese Textpartikel, läßt seinen eigenen Phantasien freien Lauf. Nicht, daß sie ekelhaft sind, stört (das wäre eine Frage des Geschmacks, nicht des ästhetischen Urteils) – unerträglich wirkt der pharisäerhafte Hinweis auf das, was man Menschen in deutschen Konzentrationslagern angetan hat und heute etwa in Südamerika mit ihnen anstellt. Zellinger möchte ein neuer de Sade sein und ist doch nur ein Kleinbürger, der für seine Obsession eine Tarnung gefunden zu haben glaubt. Ein offenes Visier à la „Der Faschist in uns allen“ wäre da der mutigere Weg gewesen.

So lehrt die Geschichte: Nicht alles, was den zensorischen Saubermännern mißfällt, ist deswegen ein Kunstwerk. Freilich: Das Urteil darüber steht nicht einigen Zollbeamten zu, die einen zufälligen oder gezielten Blick in Buchsendungen werfen. Ebenso unerträglich wie (in diesem Fall) das an der Grenze abgewiesene Gut aus Österreich ist die neue Selbstherrlichkeit der Sittenwächter in unserem Land, Wir würden, bitte, gern selbst entscheiden, was uns gefällt und was wir ablehnen. Die Grenze zwischen Österreich und Bayern ist nicht dazu da, um Bücher (oder Journalisten, die über Wackersdorf berichten wollten) abzuweisen. Volker Hage

  • Alfred Zellinger:

„Liebe als fatale Strategie gegen das ironische Spiel der Verführung“

1000 Liebesgeschichten/Szenen & Sprachfragmente: Ritter Verlag, Klagenfurt 1986; 450 S., 38,– DM