Die meisten Energien verbraucht der neue deutsche Spießer mit reden. Wenn er – das Beispiel heißt Heiko N. – seinem dreijährigen Sohn Sebastian immer wieder ausführlich erklärt, warum er endlich seine Finger von Ladentüren lassen soll und der Junge doch nicht hören will, droht er schließlich: „Gleich kriegst du was auf die Finger.“ Er diskutiert mit ihm auch über Autos als Feinde der Umwelt und der Fußgänger, und falls Sebastian vor lauter Wut gegen einen Kotflügel von Vaters Wagen tritt, muß er ihm sofort sein Ehrenwort geben, daß er das nie wieder tut. Im Wald spricht Heiko N. wie ein Pfarrer auf einer Beerdigung über alles, was da zu sehen ist. Und warnt seinen Sohn vor Förstern mit Bügelfalten und diskutiert mit ihm, ob man in Wäldern überhaupt noch singen soll.

Schreihälse und unliebsame Vorgesetzte glaubt er dadurch zu verunsichern, indem er betont leise spricht und seine Worthülsen dehnt. Zu seinen Koseworten gehören: Gruppe, Nähe, Engagement und Zärtlichkeit. Heiko N. hat eine gepflegte Beatlefrisur. Die Ohren müssen bedeckt bleiben. Zu Hause trägt er Jeans, aber der dunkle Anzug für alle Fälle hängt im Schrank. An Demonstrationen nimmt er aus beruflichen Gründen nicht teil, er verfolgt sie gewissenhaft vor dem Fernseher, sieht sich an der Spitze und fühlt sich, wenn die Polizei ins Bild kommt, auch gleich als Märtyrer. Im Betrieb kämpft er zusammen mit der Basis gegen die Einführung menschenverachtender Techniken, für den Anführer soll man ihn jedoch nicht halten.

Pünktlich überweist er die Versicherungsprämien und seine Beiträge für die Bausparkasse. Gesundheit ist für ihn das höchste Gut, und er ekelt sich vor Fett, Nikotin, Verschmutzungen und Abgasen jeglicher Art. Seine Tochter Jennifer wird bald acht Monate alt, und Heiko N. diskutiert mit seiner Frau über die praktische Nutzanwendung ihrer natürlichen Körperwärme. Ehe ist für ihn gelebte Partnerschaft und Gleichberechtigung. Über Fehlverhalten wird im Bett diskutiert. Heiko N. hat seiner Frau das neueste Buch über Stillen geschenkt, in der Soziologie ist er auch auf dem Laufenden, und Liebe ist für ihn ein zu einengender, schicksalsbeladener Begriff.

Er ist für sanfte Gewalt und übt Hand in Hand den Widerstand durch Menschenketten, sieht dabei aber oft alle lieber in Reih und Glied. Sein Lieblingsgetränk ist Tee. Biertrinker sind für ihn Leute, die ihren Mund zu voll nehmen und dann feierlich werden. Der Begriff Tiefe ist ihm zu deutschnational besetzt, und Diskussionen über Treue geht er: aus dem Weg, denn das hat viel zuviel mit Tiefe, Dauer und aufs Ganze gehen zu tun. Logisch denkt er nur der Not gehorchend und will um jeden Preis überall für Gerechtigkeit kämpfen.

Fast 500 Mark kostete Heiko N. das einbruchssichere Türschloß. Aber sonst ist er für den guten Durchschnitt, der sich überall kritisch engagieren solle. Sein Vater wollte ihm immer ein Vorbild sein, Heiko N. ist jedoch gegen Leistungsträger und Übergrößen auf allen Gebieten und verschweigt mit ernster Miene, welche Partei er wählt. Die Familienphotos stecken in ovalen Rahmen vom Flohmarkt. Von dort ist auch der in Holz gebrannte Spruch in der Küche: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“