Von Horst Bieber

Bielefeld, im Januar

Der Raum im ersten Stock der Volkshochschule ist zu klein für die etwa 60 Zuhörer, die trotz Schnee und Eis – am Nachmittag ist in Bielefeld der Verkehr zusammengebrochen – nach Senne gekommen sind. Bald breitet sich warmer Mief aus. Die vier Kandidaten sitzen en bloc – CDU und FDP links vom Versammlungsleiter, SPD und Grüne rechts. Man kennt sich von früheren Diskussionen, weiß genau, wer wann versuchen wird, dem anderen etwas unterzujubeln, paßt auf: Routinierte Langeweile beherrscht die Szene.

Gut zwanzig Zuhörer sind Jugendliche, stramm auf CDU-Kurs; ihr Kandidat Meyer zu Bentrup heimst ihren Beifall ein. Sonst wird nur noch für Antje Vollmer, die grüne Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen, geklatscht. Der FDP-Vertreter Guido Westerwelle gibt sich zu forsch, der SPD-Bewerber Günter Rixe zu schwach. Das Publikum interessiert sich in erster Linie für lokale Probleme. Lebhaft wird’s erst, als die Rede auf den Paragraphen 218 kommt; Antje Vollmer von den Grünen hat es schwer, ihren Standpunkt ("um der Frauen willen streichen") zu rechtfertigen; der junge FDP-Mann reitet eine furiose Attacke in gleicher Richtung ("Das macht der immer", murrt sie hinterher), die wegen ihrer Schneidigkeit verpufft.

Einmal sagt Antje Vollmer einen Satz, der das Dilemma dieses lustlosen Wahlkampfes andeutet: "Das wichtigste Kapital der Politiker ist das Bewußtsein der Bevölkerung." Doch da horcht nur der CDU-Vertreter Meyer zu Bentrup auf. Der "Schwarze" und die "Grüne" reden sich zwar nicht direkt an, aber zwischen ihren Positionen wird, wenigstens für Augenblicke, Spannung sichtbar, Grundsätzliches klar: Auf welchem Weg lassen sich Reformen verwirklichen? Die in der grünen Strömungslehre als fundamental eingestufte Theologin "glaubt nicht mehr an die pädagogische Wirkung der Roßkur". Der Sozialdemokrat und der Liberale tun es, verbal zumindest: Seltsame Überzeugungskoalitionen blitzen da auf, doch offenbar hat keiner Lust ihnen nachzuspüren.

Den Grünen ist es nur recht. Ein neues Wort macht die Runde: Man ist "entspannt", weil bei den Grünen selbst niemand mehr an die rot-grüne Regierungsversuchung glaubt. Und deswegen ist das Klima zwischen den grünen Lagern entspannt. Fundis, Realos und Ökosozialisten gehen auch nach grünen Maßstäben geradezu pfleglich miteinander um, verstehen sich sogar zu Artigkeiten. Die Realos wollen auf das Korrektiv der Fundis nicht verzichten, die ihrerseits den Ökosozialisten die Kraft zur Analyse bescheinigen; nicht Friede, aber Burgfriede ist ausgebrochen, seit die Sommerfurcht verflogen ist, man könne den Wiedereinzug in den Bundestag verfehlen.

Vorsicht hat sie indes hinterlassen. Eine "Sechs vor dem Komma" ist so etwas wie die inoffizielle Sprachregelung, eine Sieben Komma ... könnte es werden, aber zweistellig – so weit will sich niemand versteigen. Und auch nicht zu neuen Prinzipienstreitereien.