Müssen in England siebzehn Häftlinge unschuldig für IRA-Attentate büßen?

Von Martin Alioth

Wie auch immer Douglas Hurd in den nächsten Tagen entscheidet, den Mythos von der unfehlbaren britischen Justiz vermag er wohl kaum zu retten. Der britische Innenminister gilt als kluger, kühler Kopf. In seiner Freizeit schreibt er Polit-Thriller; einer davon dreht sich um ein Komplott der Irisch-Republikanischen Armee (IRA). Gegenwärtig bleibt ihm allerdings wenig Zeit zur Entfaltung seiner literarischen Talente. Von allen Seiten wird Hurd bestürmt, die Verfahren gegen die „Birmingham-Sechs“, die „Guildford-Vier“ und die „Maguire-Sieben“ neu aufzurollen. Diese siebzehn Personen wurden 1975/76 für schuldig befunden, im Auftrag der IRA an der Tötung von 28 Menschen und der Verletzung von 239 weiteren Personen direkt oder indirekt beteiligt gewesen zu sein.

Richter, Staatsanwälte und Geschworene befanden sich damals im Einklang mit der öffentlichen Meinung, als sie neun Nordiren und eine Londonerin zu lebenslanger Haft verurteilten und die aus Belfast stammende Familie Maguire wegen unerlaubten Sprengstoffbesitzes für vier bis vierzehn Jahre hinter Gitter schickte. Seit kurzem allerdings gibt es derart überzeugendes Beweismaterial für die Unschuld aller siebzehn Verurteilten, daß der Schluß nahe liegt, die Urteile seien Produkt der damaligen anti-irischen Pogrom-Stimmung gewesen. Hurds Dilemma: Verschließt er sich dem Ruf nach einem neuen Verfahren, bietet er die Hand zur Verschleierung des vermutlich schwerstwiegenden britischen Justizirrtums in diesem Jahrhundert. Gibt er ihm nach, zieht er die Unparteilichkeit britischer Richter in Zweifel.

Anti-irische Ressentiments

Im Spätherbst 1974 waren innerhalb von sieben Wochen fünf Bomben in dicht besetzten Bars explodiert und dies im Herzen Englands: in Guildford, Woolwich, Birmingham. Entgegen ihrer Gewohnheit hatte die IRA, an deren Täterschaft kein Zweifel bestand, in keinem Fall eine rechtzeitige Warnung gegeben.

Nur ein halbes Jahr zuvor war der erste ernsthafte Versuch gescheitert, den Nordirland-Konflikt mit politischen Mitteln zu lösen. Protestantische Politiker hatten mit paramilitärischer Unterstützung die erste Koalitionsregierung aus Katholiken und Protestanten in Nordirland gestürzt. Die Regierung Wilson wandte sich resigniert von der rebellischen Provinz ab, unfähig oder unwillig mehr zu tun, als mit britischen Bajonetten die undankbaren Eingeborenen auseinanderzuhalten.