Der Traum der chinesischen Studenten von Freiheit und Demokratie währte nicht lange. Die Partei hatte politische Reformen versprochen. Nun, da die Studenten sie beim Wort nehmen wollten, antwortet sie mit Repression. Hundert Blumen sollten wieder blühen; als sich die ersten Knospen hervorwagten, wurden sie ohne Zögern abgeschnitten.

Wieder einmal zeigt sich: Die Partei duldet keinen Protest, der ihren Führungsanspruch in Frage stellt. So wie Mao Tse-tung 1957 die von ihm selbst ausgerufene „Hundert-Blumen“-Kampagne erstickte und Deng Xiaoping 1979 die Wortführer der von ihm zunächst geduldeten „Demokratiebewegung“ ins Gefängnis werfen ließ, unterdrückt die Führung in Peking auch jetzt wieder das Aufbegehren, für das sie selbst das Stichwort lieferte.

Dengs Dilemma ist offenkundig: Den Studenten geht der Wandel nicht schnell genug, den Orthodoxen in der Partei gehen die Reformen viel zu weit. Hinter der Entschlossenheit, die Deng jetzt demonstriert, verbirgt sich Sorge um den Bestand seines Werkes. „Es sieht so aus, als müßte ich weitermachen“, sagt der 82jährige, der auf dem Parteitag im Oktober seine Ämter abgeben wollte. Lange schien es, als habe Deng sein Haus bestellt. Nun zeigen sich Risse im Fundament. M. N.