Gegen die Bezeichnung als Berufsdemonstranten würden sie sich wehren, aber als berufen gaben sie sich aus – jene zwanzig Richter, die Anfang der Woche die Zufahrt zum Raketenstandort in Mutlangen blockierten und sich „zwecks erkennungsdienstlicher Behandlung“ von der Polizei festnehmen ließen.

Dessen hätte es bei ihren Vorgängern wie Heinrich Böll, Günter Grass oder Heinrich Albertz nicht bedurft. Die Demonstranten der ersten Stunde waren prominent; sie gaben dem Protest der Namenlosen damit mehr Gewicht, als er ihm ohne sie zugekommen wäre. Aber sie demonstrierten als unabhängige Staatsbürger, nicht als Amtsträger.

Die Protest-Richter von Mutlangen sind ebenfalls namenlos. Als schlichte Staatsbürger zu demonstrieren, reichte ihnen nicht aus; sie wollten Aufsehen erregen allein durch den Einsatz des ihnen anvertrauten staatlichen Amtes. Es verleiht ihnen das hohe Privileg der richterlichen Unabhängigkeit; aber es erlegt ihnen – zum Ausgleich dafür – die Pflicht zur Neutralität auf: damit der Bürger seinen Richter nicht für einen voreingenommenen Politiker halten muß. Stellen wir uns vor: Deutsche Richter demonstrierten kollektiv für die neuerliche Verschärfung des Paragraphen 218. Wir würden gewiß eine solche Demonstration ablehnen – wie die in Mutlangen. H. Sch.