Ratingen

Im Brief des Heiligen Paulus an die Römer heißt es unmißverständlich: "Jedermann sei untertan der Obrigkeit... Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung." Das Ratinger Wochenblatt, ein kostenlos verteilter Anzeiger, sah sich veranlaßt, den evangelischen Pfarrer Hans-Günther Meinhard an die Bibelstelle zu erinnern und ihm die Verwerflichkeit seines Tuns bewußt zu machen. Der Geistliche habe sich "auf eine Stufe mit radikalen und gewalttätigen Demonstranten" gestellt und sich "in die Illegalität" begeben.

Hat Pfarrer Meinhard Steine auf Polizisten geworfen? Viel subtiler: Er hat eine vierköpfige tamilische Flüchtlingsfamilie "dem Zugriff der Behörden entzogen". Sie ist einfach weg, untergetaucht, schon seit drei Monaten. Wo sie sich aufhält, wissen nur wenige Eingeweihte. "Es geht der Familie gut", versichert Pastor Meinhard, und er mag den Unterschlupf der Asylbewerber natürlich nicht preisgeben.

Im Juli 1985 war die Familie Yogalingam aus Sri Lanka geflohen und über die DDR nach West-Berlin gekommen. Wenig später wurde sie nach Neustaat in Schleswig-Holstein gebracht und dort in dem zur Massenunterkunft umfunktionierten "Hotel Germania" untergebracht. Die vierjährige Tochter Vithiya ist schwer krank. Sie leidet an Epilepsie und Minderwuchs. Ihr Gewicht von 9700 Gramm entspricht nach Ansicht des Chefarztes der Kinderklinik im St. Johannes-Hospital in Duisburg, Carl Haneke, "dem eines einjährigen Kindes". In der Sammelunterkunft verschlechterte sich ihr Zustand. Vithiya wie auch ihre zweijährige Schwester Sivasakthy vertrugen zum Beispiel das ungewohnte Essen aus der Großküche nicht und spuckten es immer wieder aus.

Weil man den Asylbewerbern trotz mehrfacher Bitten keine Krankenscheine geben wollte, wie Vater Sinnathurai Yogalingam erklärt, zog die Familie ihren Asylantrag zurück und machte sich auf den Weg nach Frankreich, um dort bei einem Bruder des Vaters unterzukommen. Bei einer Zwischenstation in Duisburg wurden die Tamilen von Landsleuten jedoch vor der rigorosen Abschiebepraxis der französischen Behörden gewarnt. Die Eltern beschlossen daher, in Duisburg zu bleiben, und stellten erneut einen Asylantrag. Daß sie bereits in Schleswig-Holstein untergebracht war, verschwieg die Familie. So bekamen die Yogalingams eine Wohnung, erhielten Sozialhilfe, und die kleine Vithiya erholte sich während zweier mehrwöchiger Krankenhausaufenthalte zusehends.

Nach einigen Monaten bemerkte jedoch das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Zirndorf, wo alle Asylanträge zentral bearbeitet werden, daß die Yogalingams schon einmal einen Asylantrag gestellt hatten. Die Familie wurde nun angewiesen, zurück nach Schleswig-Holstein zu gehen. Ihre Duisburger Wohnung wurde während ihrer Abwesenheit kurzerhand ausgeräumt und das Schloß ausgewechselt – die jungen Tamilen standen buchstäblich auf der Straße.

Zurück nach Neustadt wollten die Eltern jedoch auf keinen Fall. Sie fürchteten, dort würde sich der Gesundheitszustand ihrer Tochter erneut verschlechtern. Ein Vetter von Frau Yogalingam, so hatten sie inzwischen erfahren, wohnt in Ratingen bei Düsseldorf. Zu ihm zogen sie nun, obwohl er selbst als Asylbewerber in einer Unterkunft lebt, wo eigentlich kein Platz für zusätzliche Gäste war. Schon bald fiel die junge Familie, die hier gleichsam auf dem Fußboden hauste, Mitarbeitern des Asylarbeitskreises der Ratinger Versöhnungskirche auf.