Von Dieter E. Zimmer

Eine harte, glatte, etwas rauhe Oberfläche; warum nicht eine Schiefertafel? Ein spitzer Gegenstand, zum Beispiel ein Stift, keiner dieser wachsweichen, sondern ein steinharter. Und nun setze man an und ratsche mit dem Stift kräftig quer über die Tafel, so richtig rücksichtslos, daß es laut quietscht.

Vielen von uns ist schon die bloße Vorstellung schwer erträglich. Die Schultern ziehen sich von selber an, die Muskeln spannen sich, das Gesicht avisiert Schreck, ein leichtes Schütteln läuft über den Rücken, als habe uns ein frostiger Wind getroffen. Kurzum, uns schaudert’s. Viele werden auf Anhieb wissen, welche Krachfolter ich meine; den andern kann man es auch nicht erklären. Willkürlich läßt sich die Reaktion nicht herbeiführen, aber wo sie sich spontan einstellt, läßt sie sich auch kaum unterdrücken. „Quietschen“ ist ein viel zu niedliches Wort dafür, das eher an ungeölte Scharniere denken läßt, eine vergleichsweise harmlose Sache. Es ist ein wirklich gräßliches Geräusch.

Aber warum eigentlich? Wir sehen doch, daß nichts Schlimmes passiert; jemand macht nur einen Strich. Auch früher haben wir nie üble Erfahrungen mit diesem Geräusch verbunden, im Unterschied vielleicht zu dem auf- und abschwellenden Geheul der Fliegeralarmsirene, das uns, ein neues Bombardement ankündigend, nächtlich aus dem Schlaf weckte und uns darum ein Leben lang höchst unangenehm im Ohr bleibt. Warum also? Und warum ist es unweigerlich diese Art von Geräusch, die jenen Schauder auslöst, nicht bei dem einen das Nageln eines Diesels, beim andern die Erkennungsmelodie von Radio Schleswig-Holstein Und warum reagiert überall auf der Welt ein ansehnlicher Teil aller Leute auf genau dieses Geräusch todsicher mit genau diesem Schauder?

Offenbar gehört es mit zu unserer psychophysischen Grundausstattung, wie das Erröten, das Gähnen, die Gänsehaut. Gerade solche Selbstverständlichkeiten, die wir normalerweise als ein Teil unseres Loses hinnehmen, interessieren manche Verhaltensforscher. Denn wenn sie zu unseren unwillkürlichen und nahezu universalen Merkmalen gehören, müssen sie einmal einen Sinn gehabt haben, damals in jenen grauen Zeiten jenseits jedes Gedächtnisses, als wir auf dem Weg zu unserem Status quo waren.

Tatsächlich hatten die frühen Verhaltensforscher eine Erklärung dafür parat, warum uns jenes kreischende Ratschen so unangenehm ist. Es handele sich, so meinten sie, um ein „Zahnschutzschema“. Die Zähne zahlten für ihre Härte, mit ihrer Schmerzunempfindlichkeit. Wir merkten nicht, wenn sie auf etwas Hartes beißen, das sie zerkratzt und zerstört. Also habe das Gehör die Aufgabe übernommen, uns zu warnen, wenn wir ihnen Gewalt antun: Wir schauderten ersatzweise vor dem Geräusch zurück, das der über ihren Schmelz kratzende Stein mache.

Die Hypothese klang ganz raffiniert, hatte aber zwei erhebliche Schönheitsfehler, die jeder bemerken konnte, der etwa je an einem Hasenrücken gekaut hat. Erstens entsteht beim Beißen auf eine Schrotkugel das bewußte Geräusch überhaupt nicht. Zweitens wird es auch gar nicht gebraucht, denn die Zähne sind zwar außenherum unempfindlich, registrieren aber sehr wohl auch die allerkleinsten unbeißbaren Objekte. Das „Zahnschutzschema“ ist überflüssig.