Von Nina Grunenberg

Die CSU ist eine fleißige Partei. Ihre Mandatsträger sind vergattert, sich auf allen Wegen und Stegen bemerkbar zu machen. Einen Wahlkampf als Formalie zu behandeln, war ihnen noch nie erlaubt. Diesmal rackern sie sich schon seit dem 70. Geburtstag von Franz Josef Strauß ab. Er wurde vor einem Jahr und fünf Monaten gefeiert und von der Partei-Zentrale als Auftakt für den bayerischen Landtagswahlkampf genutzt. Der Bundestagswahlkampf konnte sich nahtlos daran anschließen.

Erst jetzt, nachdem sich nicht mehr verheimlichen läßt, daß die Freunde um Helmut Kohl längst satt und selbstzufrieden in den Polstern liegen und nur noch das Ende des Heimspiels erwarten, ließen auch die Bayern ihre Zurückhaltung fahren. Beim alljährlichen Neujahrsempfang des bayerischen Ministerpräsidenten "für Presse, Hörfunk und Fernsehen" prognostizierte Strauß ohne weitere Umstände das Wahlergebnis vom 25. Januar: 45 Prozent für Sozialdemokraten und Grüne, 55 Prozent für die Koalitionsparteien. "Die einen wissen", scherzte er im Antiquarium, dem Festsaal der Münchner Residenz, vor 1200 geladenen Gästen, "daß sie verlieren und brauchen nicht mehr nachzudenken, und die anderen wissen, daß sie gewinnen und ihre Probleme erst am Wahlabend anfangen."

Die CSU ist wirklich fleißig. Längst gilt ihr konzentriertes Interesse dem nächsten Etappenziel, den Koalitionsverhandlungen. Zwar war bis zu Dreikönig Weihnachten – eine Festzeit, die in Bayern so sakrosankt ist, daß sogar der sonst nicht eben pflichtvergessene CSU-Generalsekretär Gerold Tandler die Aufforderung des ZDF, für ein Wahlkampf-Gespräch nach Bonn zu kommen, empört ablehnte. Doch seit dem 7. Januar präparieren sich die CSU-Büchsenspanner für die kommenden Auseinandersetzungen. Hinter verschlossenen Türen, in offiziellen Gremien und weniger formellen Kreisen werden in München Optionen aufgebaut und Fallen gestellt. Aber Forderungen sollen erst erhoben werden, wenn das Parallelogramm der Kräfte im bürgerlichen Lager feststeht. Für die CSU ist es keine Frage, daß sie selber, nach der CDU, das zweitgrößte Stimmenpaket abliefern wird (1983: umgerechnet auf das Bundesgebiet 10,5 Prozent), und daß die FDP Dritter bleibt und der Rangfolge entsprechend behandelt werden muß. Für acht Prozent Stimmenanteil werden die Bayern den Freien Demokraten mehr Hochachtung entgegenbringen als für 5,5 Prozent.

Wenn es um strategische Ziele geht, hat sich das Wertebewußtsein der CSU immer noch am Konkreten orientiert – "auch wenn wir das in der Mitgliedschaft nicht immer breittreten", wie ein CSU-Hierarch bereitwillig einräumte. Die Aussichten, eine absolute Mehrheit der CDU/CSU zu erreichen, werden in München gering eingeschätzt. Dasselbe gilt inzwischen auch wieder für die Frage, ob Franz Josef Strauß als Außenminister nach Bonn gehen würde. Als hätte es für seine alten Gegner nie Grund gegeben, sich die Haare wegen ihm noch einmal zu Berge stehen zu lassen, wird über den "Meisterplan" kaum noch spekuliert. Seitdem der Favorit Martin Bangemann, das FDP-Pferd, auf das Strauß seine Hoffnungen gesetzt hatte, unter Muskelschwund leidet, glaubt fast niemand mehr, daß sich Hans-Dietrich Genscher im Auswärtigen Amt noch aus dem Sattel heben läßt. In der Einschätzung der Machtverhältnisse ist der Realismus der CSU schon immer grenzenlos gewesen.

Aber kein Gott und kein Kohl wird sie deswegen hindern, sich mehr Einfluß auf die Außenpolitik auszubedingen. Die Liste der Forderungen ist lang und reicht von der Ostpolitik über Nahost, Südafrika bis zur Liberalisierung des Waffenexports. Die Hastigkeit, mit der Fragen der Außenpolitik in den Koalitionsverhandlungen vor vier Jahren beiseite geschoben wurden, soll diesmal vermieden werden. Vermutlich werden sich die Münchner diesmal auch nicht mehr davon abhalten lassen, in den Porzellanladen der auswärtigen Kulturpolitik einzubrechen und dort einen Denkzettel zu hinterlassen. Ihnen ist alles recht, was dazu hilft, dem ungeliebten Hans-Dietrich Genscher "ein paar Schwanzfedern auszureißen". Das verlangt schon der Stolz auf ihren Oberarmmuskel, den der verzweifelte Bayer Herbert Achternbusch als besonderes Merkmal seines Stammes erkannt hat: "Die Bayern machen, was sie immer machen, wenn sie auch noch so technisiert sind, nämlich Mist aufladen."

Das ist die Lage bei der CSU. Seit vierzig Jahren scheint sie dieselbe zu sein, dazu angetan, uns ein Grundgefühl von der Stetigkeit der Welt zu bewahren. Allem Wandel zum Trotz ist auf Franz Josef Strauß immer noch Verlaß. Auch diesmal steuerte er die einzige Aufregung zum Wahlkampf bei. Schon die Ankündigung seines Kommens genügte als Drohung. Wieder schwebte sein Geist über den Bonner Wassern. Auf seinem lebenslangen Marsch zur Macht wurde er auch jetzt wieder kurz vor der Hauptstadt gesichtet. Noch immer wird die Warnung von Gerd Bucerius, ausgesprochen 1965 in der ZEIT, ernst genommen, daß Strauß "jede Regierung verpesten" kann. Noch immer wird ihm alles zugetraut.