Agrarminister Ignaz Kiechle hat für die Bauern viel herausgeholt

Von Heinz Blüthmann

Ignaz Kiechle kann kaum noch etwas erschüttern. Nur sein melancholisches Lächeln bekommt eine kleine Schlagseite, als er die Schmähparolen überfliegt, die ihm von "seinen" Bauern vor dem Bürgerhaus im hessischen Niddatal-Assenheim entgegengehalten werden: "Schluß mit dem Betrug an den deutschen Bauern!" "Die Industrie explodiert, der Landwirt wird ruiniert." "Alle wollen das gleiche, Kiechle an die nächste Eiche!"

"Das habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen", quittiert der Bonner Agrarminister leichthin die Beschimpfungen, als er Kreisbauern und CDU-Parteifreunde am Eingang zum Bürgerhaus begrüßt. Der Bayer und CSU-Politiker Kiechle, der mit schwerfälligem Schritt daherkommt, ist an diesem Donnerstag auf Wahlkampfreise ins rotgrün regierte Hessen gewechselt. Und wie überall, wo Kiechle Hände schüttelt, müssen die anderen auf den Minister herunterschauen – Kiechle ist immer der Kleinste.

Doch notorisch unterschätzt wie am Anfang seiner Ministerzeit vor knapp vier Jahren wird der Bayer deswegen nicht mehr. Der einfache Mann aus Kempten, der lediglich die Volksschule besuchte und bis vor 25 Jahren selbst Milchbauer war, ist zwar immer noch kein Meister der Rhetorik, aber das wirkt auf Landwirte eher positiv. Keiner im wohlgefüllten Saal in Niddatal lacht hämisch, höchstens amüsiert, als Kiechle am Rednerpult sekundenlang nicht die Worthülse "vorgezogene Altersrente" einfallen will. Verständnis schlägt ihm entgegen, als.er schließlich gesteht: "Das kann ja jedem mal passieren."

Kiechles unfreiwilligen Humor kriegen allerdings die wenigsten mit. "Nicht die Schweine, die von außen kommen, bedrängen unseren Markt, sondern die Schweine in Europa", entfährt es ihm auf einer anderen Wahlkundgebung der hessischen CDU in Münster bei Dieburg. Gar niemand der fast tausend bäuerlichen Zuhörer lacht dann bei einem aberwitzigen Satz, mit dem Kiechle seine Leistungen beim Wahlvolk herausstreichen will: "Wir haben die Hälfte der landwirtschaftlichen Anbaufläche in der Bundesrepublik zu notleidenden Gebieten gemacht" – vor vier Jahren waren es wenig mehr als zehn Prozent. Nur Normalmenschen halten die Zunahme von Not in diesem Fall für eine schlimme Sache. Die Bauern von Münster nicken bei Kiechles Feststellung anerkennend mit dem Kopf – sie wissen, daß diese Art Notleiden doch nur auf Bürokratenpapier steht. Die Hilfsgelder aus dem Steuersäckel, die dadurch ausgelöst werden, klingeln dagegen ganz real in den bäuerlichen Kassen. Seit 1984 haben sie sich verfünffacht.

Die falschen Begriffe, die verrutschte Optik, mit der Ursachen und Notwendigkeiten der völlig verkorksten europäischen Agrarszene beurteilt werden – in dieser Mondwelt sind die Bauern zu Hause, und Ignaz Kiechle will sie ihnen erhalten so gut er kann. "Ich bin einer der entschiedensten Anwälte der Landwirtschaft", sagt er einfach. Daß es stimmt, spüren die Zuhörer an diesem frühen Nachmittag in Niddatal, eine gute halbe Stunde kann er ohne Zwischenruf reden.