Von Nina Grunenberg

Wer eine Ahnung von Pierre Pflimlins Temperament bekommen will, braucht nur leichtfertig über Europa zu reden. Das flotte Wort vom "Wanderzirkus", mit dem das Nomadenleben der europäischen Abgeordneten zwischen Straßburg (Sitz des Parlaments), Brüssel (Büro der Parlamentarier) und Luxemburg (Sitz der Parlamentsbehörde) landläufig umschrieben wird, brachte sein Blut schon am frühen Morgen zum Brausen. Dabei sollte nur bedauert werden, daß das Gespräch nicht hatte in Straßburg stattfinden können – Pflimlins Stadt, der er den europäischen Stempel aufgedrückt hat – und statt dessen in der unpersönlichen Atmosphäre eines Brüsseler Abgeordneten-Silos zustande kam.

"Das ist doch lächerlich", fuhr es ihm heraus. "Die Kollegen müssen sich eben bewegen, eine Woche in Straßburg, die andere in Brüssel. Was ist denn dabei? Bewegen sich die deutschen Abgeordneten denn soviel weniger? Die reisen zwischen ihren Ländern und Bonn hin und her. Wir wandern durch ganz Europa. Das ist auch gut so. Unsere letzte Sitzung hatten wir in Portugal, in unserem jüngsten Mitgliedsstaat. Da hat die gesamte Lissaboner Presse über das europäische Parlament geschrieben. Das kann doch nicht schlecht sein?"

Sechs Jahre, stöhnte er auf, muß er sich diese "Platte vom Wanderzirkus" nun schon anhören. Dabei argwöhnt er, daß sie nur gespielt wird, um Straßburg als "Herz des europäischen Gedankens" und als Sitz des Parlaments in Mißkredit zu bringen. Unbegründet ist der Verdacht nicht: Weil die europäischen Abgeordneten ihr politisches Leben praktischer einrichten möchten, ist in Brüssel jetzt ein zweiter Plenarsaal für sie in Bau.

Pierre Pflimlin war 78 Jahre alt, als er zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wurde. Unter dem Beifall vieler guter Freunde und den Respektbe-Zeugungen einiger solider Gegner kündigte er damals seinen "letzten Kampf" für die Idee eines politisch geeinten Europas an. Nach zweieinhalbjähriger Amtszeit wird er den Präsidentenstuhl in diesen Tagen für seinen Nachfolger freimachen. So verlangt es die Satzung. Aber sein letztes Wort hat er noch nicht gesprochen. Dafür werden das Abgeordnetenmandat sorgen, das er im Europäischen Parlament noch ausübt, seine persönliche Dynamik, die den Wechselfällen eines über vierzig Jahre langen Politikerlebens ungebrochen standgehalten hat, und sein fester Glaube an die europäische Idee, die er selber nach dem Kriege mit aus der Taufe gehoben hat.

"König von Straßburg" wurde Pierre Pflimlin genannt, als er dort Bürgermeister war. Den Titel erwarb er sich ehrlich: Der stattliche Elsässer ist nicht dazu geboren, sich zu beugen – weder dem Alter (daß er am 5. Februar achtzig Jahre alt wird, stimmt ihn mißmutig) noch den kleinen Denkkaros der Europäer, in denen ihre gemeinsamen Interessen so oft unterzugehen scheinen. Pflimlin denkt groß, sein Optimismus ist noch größer. Darin ist er nicht zu beirren, auch wenn die großen Krisen, von denen die Gemeinschaft betroffen war, nie zu europäischen, sondern meistens nur zu nationalegoistischen Konsequenzen geführt haben.

Das letzte Paradebeispiel war die Katastrophe von Tschernobyl, darüber könnte er sich erneut in Feuer reden: "Da hatten wir ein typisch europäisches Problem. Das betraf alle. Auch der fanatischste Nationalist konnte nicht behaupten, daß der radioaktive Regen noch Grenzen kannte. Er fiel überall und hinterließ für europäische Politik ein ideales Arbeitsfeld. Um das zu behaupten, braucht man kein europäischer Ideologe zu sein. Die Wirklichkeit zwingt, so sollte man meinen, zu europäischen Lösungen. Und was sehen wir? Jeder zieht sich auf sich selbst zurück. In der Bundesrepublik sind die Reaktionen auf die Katastrophe sogar von Bundesland zu Bundesland verschieden. Das alles beweist, daß der europäische Geist noch nicht stark genug ist."