Von Bernhard Blohm und Roger de Weck

Gerhard Stoltenberg unterbrach seine Wahlkampftour durch das verschneite Schleswig-Holstein, und Karl-Otto Pöhl mußte gar seinen Winterurlaub vorzeitig beenden. Der Finanzminister und der Bundesbankpräsident waren am vergangenen Sonntag wieder in Sachen Europäisches Währungssystem (EWS) auf Achse. Stoltenbergs belgischer Kollege Mark Eyskens, der jetzt dem EG-Ministerrat vorsitzt, hatte dieses Gremium eilends ins Brüsseler Konferenzzentrum Albert Borchette einberufen, um der überbordenden Spekulation an den europäischen Devisenmärkten ein Ende zu bereiten, um zum elften Mal in der knapp achtjährigen Geschichte des EWS dem System aus einer Krise zu helfen.

Vorderhand gelang das auch diesmal. Nach der üblichen Marathonsitzung waren die Wechselkurse im EWS neu geordnet. Die Leitkurse der Mark und des holländischen Guldens wurden um drei Prozent, die des belgischen und luxemburgischen Francs um zwei Prozent aufgewertet und die der übrigen Währungen (Dänenkrone, französischer Franc, italienische Lira und irisches Pfund) blieben unverändert.

Die im Verhältnis zu früheren realignments, wie die Neuordnung der Wechselkurse im Fachjargon heißt, eher mäßigen Veränderungen der Wechselkurse lassen kaum erkennen, daß „man nur knapp an einer Erschütterung des EWS vorbeigekommen ist“, wie Eyskens nach dem Ende der Beratungen der Presse mitteilte. Der Grund für die Dramatik: Die Deutschen und die Holländer hielten die ganze, Veranstaltung eigentlich für überflüssig. Sie warfen den Franzosen vor, daß sie die Krise durch unbedachte Äußerungen überhaupt erst herbeigeführt hätten. Tatsächlich mahnten der französische Premier Jacques Chirac und sein Finanzminister Edouard Balladur angesichts der Schwäche ihrer eigenen Währung die Deutschen in der vergangenen Woche, „das zu tun, was sie tun müssen“. Im Klartext: Die Bundesbank solle endlich mit Zinssenkungen die Spannungen im EWS beseitigen, oder die Bundesregierung solle die Mark aufwerten.

Für die Akteure an den Devisenmärkten war das ein klares Signal, daß die alten Wechselkurse nicht mehr lange gehalten werden könnten. Sie spekulierten fortan gegen den Franc und andere schwache EWS-Währungen (Dänenkrone, irisches Pfund) und schufen damit an den Märkten genau die Situation, die eine Neuordnung der Wechselkurse unumgänglich macht. Rund zehn Milliarden Mark, so schätzen Fachleute, setzten die europäischen Notenbanken in den Tagen vor der Brüsseler Sitzung ein, um die alten Kurse zu verteidigen. Die Folge dieses Milliardenpokers: In der Bundesrepublik blähte sich das Geldvolumen gewaltig auf, und in anderen Ländern, zum Beispiel in Dänemark und Belgien, versuchten die Notenbanken, den Geldabfluß durch Zinserhöhungen einzudämmen. Doch das ist ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen, wenn Unternehmen, Banken und Spekulanten erstmal Lunte gerochen haben.

So mußten denn Stoltenberg und Pöhl in den sauren Apfel beißen und in ein realignment einwilligen. Der Finanzminister, ein Meister in Selbstbeherrschung und Höflichkeit, konnte sich einige spitze Bemerkungen nicht verkneifen. „Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht“, kritisierte Stoltenberg, „gab es keine Begründung für eine aktuelle Neubewertung. Die Ursachen für den starken spekulativen Druck waren vielmehr das Absinken des Dollarkurses mit den Wirkungen auf das EWS und öffentliche Reden in einigen Ländern über angeblich erforderliche umfassendere Neubewertung der Zeitkurse im EWS.“ Und auch seine Bemerkung, daß eine Aufwertung der Mark automatisch eine Abwertung anderer Währungen ist, zielt gegen die Franzosen. Chirac und „sein Lautsprecher Balladur“ ( Handelsblatt) hatten nämlich schon vor der Brüsseler Sitzung unisono erklärt, daß die französische Regierung eine am Prestige kratzende Abwertung des Francs in keinem Falle hinnehmen könne.

Jede Abwertung des Francs berührt nämlich den Nationalstolz der Franzosen. Die „Schuld“ trägt dann jeweils die Regierung, auch wenn sie erst seit zehn Monaten die Geschäfte führt. Ob nun die Konservativen oder die Sozialisten an der Macht sind – stets wird so getan, als zeichneten sie für all die strukturellen Schwächen der französischen Volkswirtschaft voll verantwortlich.