In China demonstrieren Studenten für demokratische Mitbestimmung, in der Sowjetunion setzt sich der aus der Verbannung heimgekehrte Andrej Sacharow für inhaftierte Dissidenten ein, in Nicaragua und Afghanistan, in Südafrika und Äthiopien, in Chile und Polen – überall zeigt sich die Kraft der Menschenrechtsidee, bewegt sie Unterdrückte und Unterdrücker. Kaum eine multinationale Konferenz ohne das Menschenrechtsthema, ob bei der KSZE, den Debatten der Vereinten Nationen oder der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Kaum eine Kreditvergabe oder Entwicklungshilfe ohne vorherige Prüfung der Menschenrechtssituation. Keine Verletzung der Rechte ohne entscheidende Proteste von Amnesty International oder anderer Organisationen. Die Weltöffentlichkeit ist sensibilisiert. Seit Mitte der siebziger Jahre hat die Idee der Menschenrechte an Gewicht gewonnen.

Es wäre übertrieben, dies einer Person oder einer bestimmten Politik als Verdienst anzurechnen. Aber es war der amerikanische Präsident Jimmy Carter, der vor fast genau zehn Jahren, am 20. Januar 1977, sein Amt antrat und damit begann, die Menschenrechte von höchster Stelle weltweit anzumahnen. Die Entfesselung der Menschenrechtsidee als Bestandteil der internationalen Politik wird deshalb mit dem Namen Jimmy Carter verbunden bleiben.

Bis heute ist das Urteil über Carters Außenpolitik vornehmlich kritisch. Erst vor kurzem hat ein früherer Mitarbeiter der Senatoren Henry Jackson und Daniel Patrick Moynihan, Joshua Muravchik, in einer umfassenden Studie zu belegen versucht, daß Carter zwar ehrenwerte Ziele verfolgt habe, bei ihrer politischen Umsetzung jedoch weitgehend gescheitert sei (The Uncertain Crusade. Hamilton Press, New York/London 1986). Durch die Naivität und die Inkonsistenz Carters, so lautet der Vorwurf, habe Amerika seinen weltpolitischen Führungsanspruch eingebüßt.

Vieles spricht jedoch dafür, daß die Geschichtsschreibung Carter einmal differenzierter betrachten wird. In vier Jahren hat er immerhin das Camp-David-Abkommen bewerkstelligt, den Panama-Kanal-Vertrag durchgesetzt, die diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik China aufgenommen und die Salt-II-Vereinbarung mit der Sowjetunion unterzeichnet. Vor allem aber hat Carter dem von Vietnam und Watergate erschütterten Amerika mit seiner Menschenrechtspolitik sein Selbstbewußtsein nach innen und seine Ausstrahlung nach außen wiedergegeben.

Carters Menschenrechtspolitik entwickelte sich als Antithese zur Realpolitik Henry Kissingers. Dieser hatte aus dem in Vietnam so furchtbar irregeleiteten Moralismus Amerikas die Konsequenz gezogen, die Außenpolitik gänzlich zu entideologisieren: "Zwingende Notwendigkeiten legen unserer Fähigkeit Grenzen auf, innere Veränderungen in anderen Ländern zu bewirken. Das Bewußtsein unserer Grenzen entspringt der Erkenntnis der Notwendigkeit des Friedens."

Doch das reichte den Amerikanern auf Dauer nicht. Seit etwa 1973 sah sich Kissinger einer zunehmenden Kritik aus der Öffentlichkeit gegenüber, die ein "moralisches Vakuum" im Zentrum der US-Außenpolitik beklagte. Die republikanische Administration schien vielen Bürgern ungeeignet, die internationale Erniedrigung der Vereinigten Staaten durch Vietnamkrieg, Watergateskandal und Enthüllungen über CIA-Beteiligungen an geheimen Aktionen im Ausland zu überwinden. Es war der Eindruck entstanden, als ob nur Machtkalkül und Selbstinteresse die Unternehmungen der Regierung bestimmten. Dagegen vermißte man die idealistischen Prinzipien, die geeignet gewesen wären, die moralische Autorität der USA wiederherzustellen. Es entwickelte sich ein Verlangen nach moralischer Fundierung der Außenpolitik.

Wie immer schlugen sich diese Stimmungen als erstes im Kongreß nieder. Die Vergabe von Auslandshilfe wurde an die Menschenrechtssituation in den Empfängerländern gekoppelt, eine Vielzahl von Hearings auf dem Capitol Hill informierten die Öffentlichkeit über Menschenrechtsverletzungen in allen Teilen der Welt und 1974 scheiterte ein epochales Wirtschaftsabkommen zwischen Washington und Moskau am Einspruch des Kongresses, der mit dem Jackson-Vanik-Amendment die Gewährung der Meistbegünstigung für die Sowjetunion an bestimmte Ausreisezahlen für sowjetische Juden koppeln wollte. Als sich Präsident Ford im Juli 1975 weigerte, den sowjetischen Regimekritiker Alexander Solschenizyn im Weißen Haus zu empfangen, ging ein Aufschrei durch das ganze Land. Henry Kissingers Streben nach außenpolitischem Gleichgewicht verlor die innenpolitische Balance. Die Amerikaner – so schreibt Gordon Craig – hatten sich zwar einige Zeit von der "Virtuosität Metternissingers" becircen lassen, dann aber ihren traditionellen Argwohn gegen Realpolitik und gegen das endlose Jonglieren mit Machtgleichgewichten wiederentdeckt.