Von Christian Schmidt-Häuer

Auf der ersten Seite der Moskauer Prawda hat der sowjetische Geheimdienstchef Wiktor Tschebrikow in der vergangenen Woche die Entlassung eines hohen KGB-Funktionärs bekanntgegeben. In Fettdruck erläuterte er dessen illegale Handlungen und rief die Staatssicherheitsorgane zur Beachtung von Gesetz und Verfassung auf. Viele Beobachter bewerten Vorwurf und Appell an das bisher von jeder öffentlichen Kritik ausgesparte KGB als Sensation, als beispiellos.

Docn die Sache kam von langer Hand. Es geschah wenige Tage vor dem Genfer Gipfel, am 6. November 1985, dem Vorabend der Oktober-Revolutionsfeier. Bei der festlichen Sitzung im Kremlpalast trat ein Mann mit leicht schlurfendem Schritt an das Rednerpult. Er trug einen schwarzen Anzug und eine schwarze Mappe, aus der er mit bürokratischer Akribie den Text seiner Ansprache hervorholte. Die etwas starre Miene hinter der großen Hornbrille erinnerte entfernt an den George Smiley alias Alec Guinness des John Le Carré. Nur war die Ausstrahlung geringer; keine vibrierende Nervosität, nicht einmal ein Eiseshauch ging von diesem Redner aus: ein Dossier-Verwalter, kein Spionenchef, der aus der Kälte kam.

Und doch konnte sich niemand entsinnen, bei der traditionellen Festsitzung am Vorabend der Revolutionsfeier jemals einen solchen Amtsträger und eine solche Rede gehört zu haben. Es war der damals 62jährige Vorsitzende des Komitees für Staatssicherheit (KGB), eben Wiktor Tschebrikow, der nüchtern und ohne pseudorevolutionäres Pathos die Forderungen Michail Gorbatschows zusammenfaßte – wie es bis dahin noch kein anderer getan hatte. Ausgerechnet der Geheimdienstchef sprach von „Reformen“ – ein Wort, das im ersten Amtsjahr des neuen Generalsekretärs recht selten verwendet wurde.

Das Politbüromitglied bot den 5000 Vertretern der Sowjetelite einen ganzen Katalog von damals noch nicht gängigen Formulierungen: „Erweiterungen persönlicher Rechte und Freiheiten“, „Raum für direkte und prinzipielle Kritik an Mängeln“, „Beschleunigung der sozialökonomischen Entwicklung“ und „Transparenz“ (glasnost) – ein besonders sinniges Wort für einen KGB-Chef.

In der vergangenen Woche hat Wiktor Tschebrikow deutlich gemacht, daß er es doppelsinnig meint: Das KGB wird den Sowjetstaat zwar weiterhin durchleuchten, aber die Geheimdienstler können in einer transparenter werdenden Gesellschaft für sich selbst nun auch nicht mehr völlige Undurchsichtigkeit beanspruchen.

Die Botschaft ließ sich schon vor einem Jahr heraushören. Ein amtierender Geheimdienstchef als Festredner und Reformprediger am Jahrestag der Oktoberrevolution – das hatte es noch nie gegeben. Dieses Signal bedeutete: Das KGB würde weiterhin der stärkste Pfeiler sein, auf den Gorbatschow seinen Umbau stützte. Aber es sollte nicht noch einmal als Falltür zu benutzen sein, durch die Partei und Militär in den Abgrund gestürzt werden konnten – wie es die Vorgänger GPU, NKWD, MGB, MWD waren, mit deren Hilfe Stalin die Bauern, die Altbolschewiken und die Rotarmisten, 13 von 15 Armeegenerälen, drei von fünf Marschällen in die Vernichtung trieb.